Ab heute soll das Wetter für mindestens 10 Tage total unbeständig werden, daher beschließen wir eine Nacht länger auf diesem Campingplatz zu bleiben und morgen weiter zu sehen. Wir nutzen die kostenlose Waschmaschine und wollen uns am Nachmittag den vorhandenen Grill anschmeißen. Am Ende beschließen wir aber unser Zeug doch einfach auf unserem Gaskocher zu braten, weil die Wolken ihr Wasser nicht halten können.
Streckenmäßig ist heute mit einer der schönsten Tage bisher! Die Sonne scheint und es geht die ganze Zeit auf einem befestigten Radweg am Fluss entlang. Wir genießen die Ruhe, die gute Luft und die Möglichkeit abzuschalten, weil der Verlauf der Vilaine uns navigiert.
Heute scheint ein Luftakrobatenfest in Gange zu sein. Hunderte Raupen seilen sich an Seidenfäden von den Bäumen ab, winden sich, pendeln hin und her. Wir schlängeln uns im Slalom hindurch, aber was am Anfang noch witzig ist, wird irgendwann richtig eklig. Spätestens als das Ausweichen nicht mehr gelingt und manche beim Aufprall an uns aufplatzen. Am Nachmittag sehen wir an einem Baum ein Schild mit der Aufschrift “Aire naturelle de Camping“. Nach kurzer Recherche finden wir heraus, dass es in Frankreich mehrere solcher Bereiche gibt, wo man teilweise kostenlos oder sehr günstig sein Zelt aufstellen kann. Es gibt sogar einen Sanitärblock mit warmem Wasser. Nachdem wir schon ein paar Stunden dort verbracht und entspannt haben, kommt ein Mann mit einem Rasenmäher. Er sagt, dass der Platz reserviert ist für eine große Hochzeit am Wochenende und daher geschlossen. Dann lässt er uns aber doch für diese eine Nacht bleiben. Nur mit den Mähgeräuschen müssen wir uns für ein/zwei Stunden arrangieren. Da fiebern jetzt also gerade vermutlich zwei Menschen auf ihren Hochzeitstag hin – wo wohl deren Flitterreise hin geht?
Quasi zu Beginn der Tour fahren wir durch Pornic, ein nettes Städtchen mit Hafen. Eine festliche Atmosphäre empfängt uns – das 1.Mai-Stadtfest ist in vollem Gange. Überall werden kleine Maiglöckchen-Sträuschen als Glücksbringer an die Liebsten verschenkt. Wir sitzen eine Weile an der Promenade und beobachten das Treiben. Etwas später picknicken wir auf einer Parkbank, die in eine Mauer eingelassen ist und in der eine kleine Eidechse wohnt. Sobald einer von uns aufsteht, um etwas vom Tandem zu holen, steckt sie ihr Köpfchen hinaus. Sie möchte wohl so viele Sonnenstrahlen wie möglich einfangen. Auf unserem Campingplatz gibt es zum ersten mal eine Parzelle für mehrere Fahrradfahrer gemeinsam. Aber niemand scheint in Plauderlaune zu sein, daher gehen wir an der Küste spazieren, wo uns die Skeletteskulptur einer Riesenschlange im Wasser überrascht.
Dummerweise haben wir komplett verpeilt, dass heute Sonntag und morgen Feiertag ist. Aber zu unserem Glück gibt es einen Supermarkt, fast auf dem Weg, der zumindest ein paar Stunden geöffnet hat. Kurz vorher dann unerwartet eine Umleitung, doch der Mann, der für die Einhaltung zuständig ist winkt uns durch. Wir erkennen, dass die Strecke vor uns für ein Jugend-Fahrradrennen abgesperrt ist und fahren von Jubel begleitet die letzten 100 Meter auf der Zielgeraden ein. Sogar in der Lautsprecheransage vom Kommentator werden wir erwähnt! Nach dem Einkauf werden die Wege ruhiger und grün. Vor uns flitzen ein paar Babykaninchen in Ihren Bau. Wir verharren ganz ruhig und bekommen sie nach ein paar Minuten erneut zu Gesicht. Sie passen von der Größe her alle noch in eine Hand. Später führt uns Komoot als Abkürzung über eine Brücke, die allerdings steile Stufen am Anfang und am Ende hat. Hoch schaffen wir es, aber runter müssen wir viermal den Versuch abbrechen, bis glücklicherweise ein paar Franzosen ihre Hilfe anbieten. Zu viert ist es ganz leicht! Nachmittags machen wir eine größere Waschaktion und dann trocknen unsere Klamotten in der brennenden Sonne, während ein paar Kilomter weiter im Landesinneren ein fettes Gewitter donnernd an uns vorüberzieht. Die dicken Wolken türmen sich rasend schnell auf und wir könnten ihnen stundenlang dabei zusehen, wie sie sich, klar vom blauen Himmel abgegrenzt, ständig verändern. Erst als wir abends im Zelt liegen, die Wäsche sicher verstaut, kommen auch hier ein paar dicke Tropfen runter.
Am Morgen wird es unruhig auf unserer Campingparzelle. Keine zwei Meter von unserem Zelt entfernt beginnt ein Trecker mit Gülleanhänger eine Abwassergrube abzupumpen und knattert dabei Abgase zu uns rein. Dann stolpern zwei Arbeiter beim Hin und Her über unsere Abspannleinen, dass die Plane erzittert und erst als Tino mal den Kopf rausstreckt laufen sie etwas weitere Bögen um uns. Nachdem es sich draußen beruhigt hat, bauen wir ab und flüchten von diesem großen Familiencampingplatz. Eine richtig entspannte Pause haben wir auf zwei Sonnenbänken an einem Meereszufluss. Solche Zuflüsse kreuzen wir heute öfter. Einige werden als Parkplätze für Boote genutzt. Steg reiht sich an Steg, alle irgendwie an die Gezeiten angepasst. Manche haben zwei Etagen, um sowohl bei niedrigem als auch bei hohem Wasserstand einsteigen zu können, andere sind beweglich gebaut und heben und senken sich durch den Auftrieb. An anderen Stellen werden die Meereszuflüssn für den Garnelenfang genutzt. Am Rand stehen dann Fischerhütten, von denen aus man Netze ins Wasser ablassen kann. Unser heutiger Campingplatz ist klein, abgeschieden und wenig besucht und damit das genaue Gegenteil zum gestrigen. Uns begrüßt ein liebenswertes, englisches Pärchen – die Betreiber. So mögen wir es am liebsten: Eine große, abgelegene Wiese für die Zelte. Man merkt, dass die Natur sich hier verhältnismäßig frei entfalten kann, denn schon nach wenigen Minuten ist das Zelt von verschiedensten Tierchen belagert, dennoch fühlen wir uns sehr wohl!
Der Weg heute ist total abwechslungsreich: Wald, offene Küstenpassagen und dann auf Dämmen und Bretterwegen über weitläufige Salzwiesen – krautige, niedrigwachsende Pflanzenlandschaften durchzogen von Wasseradern. Eine wirklich faszinierende Landschaft – sowohl die von Menschenhand angelegten, klar strukturierten Bereiche mit geometrisch angeordneten Becken und Kanälen, die noch heute der traditionellen Salzgewinnung dienen, als auch die verwilderten Salzgärten mit ihren unregelmäßigen Formen.
Als wir erwachen, regnet es und so bleiben wir noch etwas länger liegen. Gegen 11 Uhr, als es aufhört, bauen wir aber schließlich ab und brechen auf. Es geht ganz gut voran, aber irgendwann beginnt erneut feiner Sprühregen, den wir unterschätzen, weil man ihn kaum spürt. Nach gut einer Stunde kleben die Klamotten komplett durchnässt an uns. Aber wenigstens ist es nicht kalt. Der Wind fühlt sich an wie Föhnluft auf mittlerer Stufe und als der Regen sich wieder verzieht, trocknen wir erstaunlich schnell. Bei einem Park finden wir eine Fahrradreparaturstation, wo wir die Reifen etwas nachpumpen und schließlich auch eine Essenspause machen. Zweimal werden wir interessiert angesprochen, wohin unsere Reise geht und es ist schön (anders als in den vorherigen Ländern) kleine Dialoge in der Landessprache führen zu können.
Am morgen fühlen wir uns immer noch nicht bereit aufzubrechen. Wir sind wie blockiert – was ist da nur los? Als wir zur Rezeption kommen fragt die Französin grinsend, ob wir noch eine Nacht bleiben wollen. Wir bejahen und sagen, dass wir uns noch nicht lösen können, sie lacht und meint, dass das kein Problem sei und sie bis Oktober offen hätten. Den Tag nutzen wir, um zu reflektieren, Pläne zu verwerfen und uns neu zu sortieren. Abends ist die kleine Krise noch nicht komplett überstanden aber wir wissen etwas besser wo wir stehen und sind zuversichtlich morgen den ersten Schritt raus aus der Blockade machen zu können.
Wir wachen viel später auf, als wir es im Zelt gewohnt sind und unabhängig voneinader haben wir den Gedanken noch eine weitere Nacht hier bleiben zu wollen, bevor Tino ihn schließlich ausspricht und wir uns dafür enscheiden. An der Rezeption, bei der Dame von gestern, können wir ohne Probleme unseren Aufenthalt verlängern. Sie schenkt uns sogar eine angefangene Rolle Toilettenpapier, welches nicht zur Ausstattung der meisten Campingplätze gehört. Mittags sitzen wir in unseren Stühlen und lesen in Zeitschriften, die Helga uns mitgegeben hat. Dann machen wir uns Kakao warm und dippen Croissants hinein. Nebenbei testen wir unser Solarpanel, welches wir zu Weihnachten aussortiert hatten, uns in Hildesheim aber wieder mitbringen lassen haben. Die Leistung ist nicht schlecht, sogar mit Wolken lädt es über den Tag souverrän unsere Powerbank (10.000 mAh) auf.