Seit Spanien sind wir vom Abenteuermodus in den Urlaubsmodus gewechselt. Das warme Wetter, die unbedrohlich wirkenden Straßen und die zahllosen geöffneten Campingplätze, die uns die Nächte komfortabel und kostengünstig sichern, tragen ihren Teil dazu bei. Außerdem wissen die Spanier (im Gegensatz zu den Italienern), wie man die Küstenlinie attraktiv gestaltet. Es gibt mehr potenzielle Pausenplätze, als wir nutzen könnten. Unsere heutige Strecke führt auf einem alten Bahndamm entlang, weit ab vom motorisierten Verkehr. Am Abend verwerten wir endlich den letzten Teil des Blumenkohls (Wahnsinn wie ergiebig er für uns war) und lassen die letzte Kerze unseres “Adventskranzes“ ausbrennen, während wir ein paar Lieder anstimmen.
Heute jagt ein Highlight das nächste! Am Morgen begrüßt uns die Sonne mit einer überwältigenden Energie, die sich zum Mittag noch steigert. Unsere Route ist quasi zweigeteilt: Die erste Hälfte des Tages fahren wir eine wundervolle, teils hügelige Gravelstrecke. Linkerhand erstreckt sich das Meer, rechts ein üppig grünes Naturschutzgebiet, am Horizont sehen wir die Berge. Die sommerlich assoziierte Farbkombination aus dem tiefen Blau, dem saftigen grün und dem erdigen Braun lässt die gefühlte Temperatur noch höher steigen. Am Strand machen wir eine lange Pause, in der wir von großen Glücksgefühlen übermannt werden. Was für ein Privileg das alles gemeinsam erleben zu können ♥ Danach beginnt die zweite Hälfte, jetzt auf feinstem Asphalt und ganz eben, immer entlang einiger Mandarinenplantagen. Ein paar der Früchte pflücken wir als Proviant. Herrlich süßsäuerlich, saftig schmecken sie und verströmen einen Geruch, der an Weihnachten erinnert! Abends verwerten wir einen weiteren Teil des Blumenkohls in einem Curry mit etwas Mandarinensaft. Dann kommt unser Parzellennachbar aus Großbritannien herüber und schenkt uns “immer hungrigen Radlern“ Schokokuchen. Was für ein Festmahl!
Wir starten in den Tag mit einem Frühstück bei Amanda und Alex. Die beiden waren für die letzte Nacht unsere Warmshowers-Hosts und sind wie wir begeisterte Tandemfahrer. Gegen 9 Uhr sitzen wir wieder im Sattel. Die morgendliche Lichtstimmung ist bemerkenswert! Doch leider hält der Tag nicht was der Morgen verspricht. Es zieht sich zu und die Straße verläuft eintönig, gerade und flach. Dennoch gibt es etwas zu berichten, was uns erst jetzt bewusst wurde. Unsere Tage sind zwar gleich kurz wie in Italien, dadurch dass wir bei gleicher Zeitzone aber weiter im Westen sind, ist das Tageslichtfenster um ca. eine Stunde nach hinten verschoben. Hell wird es erst gegen 08:00 Uhr und die Sonne geht erst um 17:30 Uhr unter. Dadurch kommen uns die Tage trotzdem länger vor. Und bald ist auch die längste Nacht des Jahres überstanden, danach gibt es täglich endlich nicht mehr nur gefühlt mehr Sonne. Kurz vor unserem Campingplatz kommen wir an einem abgeernten Blumenkohlfeld vorbei, finden am Rand aber noch ein Überbleibsel und ernten den prächtigen Kopf für unser Abendessen!
Mittlerweile fiebern wir der Ersatzisomatte richtig entgegen! Hier in Spanien sind die Böden auf denen wir Zelten steinig und die Matte scheint etwas schneller an Luft zu verlieren, daher müssen wir des Nachts nun einmal mehr nachpumpen. Ansonsten sind die Nächte im Zelt super gemütlich, sodass wir gerne lange schlafen und heute erst gegen 11 Uhr aufbrechen. Die Strecke ist eine nicht enden wollende Sinuskurve – auf und ab, kurbeln und rollen lassen, schwitzen und trocknen. Am Wegesrand sehen wir plötzlich drei riesige Mosaikdinos! Als wir eine kleine Abkürzung nehmen wollen, wird uns das zeitlich zum Verhängnis: kurz nach der Abzweigung müssen wir absteigen und einen tandemkritischen Wanderpfad entlang schieben und gerade als wir denken, wir hätten es geschafft, verängt sich der Weg und wird noch etwas steiler. Kein Weiterkommen ohne das gesamte Gepäck abzunehmen und einzeln runter zu tragen. Dennoch war es eine schöne Abwechlung mit grandiosem Blick auf eine Steinküste bei gefühlt über 20°C. Am Meer machen wir schließlich die dringend benötigte Pause und nehmen dann die letzten 30 Kilometer in Angriff. Es ist toll, wie sich in den letzten Monaten alle Handgriffe eingespielt haben und wie viel und frei wir gemeinsam auf dem Tandem lachen.
Der vierte Advent! Das Jahr neigt sich dem Ende. Heute wird uns das irgendwie noch mal so richtig bewusst. Wir genießen das angenehme Fahrradwetter und schmieden beim Fahren Pläne für den Übergang ins neue Jahr. Entgegen unserer Erwartung finden wir am Abend, kurz bevor wir bei dem Wald ankommen, in dem wir unser Zelt aufschlagen wollten, einen Zeltplatz, der geöffnet hat. Ein deutscher Camper reiht sich an den anderen und wenn wir gestern noch glücklich darüber waren, uns mit ein paar Menschen in der Muttersprache austauschen zu können, ist es heute etwas erschlagend, sodass wir uns in eine Nische nahe zweier Franzosen zurück ziehen. Der Kerzenschein bei Einbruch der Dunkelheit liefert eine ganz eigene Stimmung. Vermutlich werden wir das auch unabhängig von der Weihnachtszeit beibehalten.
Spanien überrascht uns mit einer fantastischen Fahrradinfrastruktur und Autofahrern, die sich fast durchweg so vorbildlich verhalten, als säße ein Fahrlehrer mit drin. Lidl hat sich in Italien zu unserem Lieblingsgeschäft entwickelt, obwohl wir ihm in Berlin kaum Beachtung geschenkt haben. Jetzt bedeutet Lidl für uns feine Haferflocken 😉 Und hier in Spanien bleibt das wohl so. Gegen 16 Uhr kommen wir auf einem belebten Zeltplatz an und treffen zwei deutsche Paare mit Wohnwägen. Es ist schön, sich auszutauschen und Tipps zu sammeln. Stimmen, Musik und ab und an ein vorbeifahrender Zug begleiten uns in die Nacht.
Als wir am Morgen an Deck der Fähre gehen, hat das Wetter eine 180° Wende gemacht. Milde 15°C und Sonnenschein empfangen uns. Dann endlich der lang erwartete erste Schritt auf spanischen Boden. Barcelona erscheint uns recht ruhig, leer und entspannt. Wir fahren fast durchweg auf Radwegen, entlang der Rambla und vorbei am Platz Catalunya. Ein bisschen Sightseeing nebenbei, während wir unsere Hauptaufgaben (Essen und Gas kaufen) in Angriff nehmen. Teilweise hängen wir ewig in roten Ampelwellen fest, dennoch macht die Stadt Eindruck auf uns und es ist schon etwas schade, nicht noch ein/zwei Tage länger Zeit zum Erkunden zu haben. Nachmittags erreichen wir einen Zeltplatz außerhalb der Stadt. Hier in Spanien scheinen einige ganzjährig offen zu haben. Das bietet uns eine schöne und entspanntere Alternative zum Wildzelten!
Wie vertreibt man sich vier zusätzliche Stunden am Besten? Klar! Ordentlich ausschlafen und eine heiße Schokolade trinken gehen. Diese nennt sich hier Cioccolata Calda, ist ultra schokoladig und fast puddingdick! Ein richtiger Schoko-Schock ♥ Nachdem wir es am Nachmittag durch einen sintflutartigen, eiskalten Regen zum Hafen geschafft haben, läuft der Check-In glücklicherweise schnell und unkompliziert ab. Für diese Fahrt haben wir eine eigene Kabine, damit wir morgen nach 20 Stunden nicht völlig gerädert die erste Etappe in Richtung Valencia auf uns nehmen müssen. Vier Tage und vier Stunden verspätet geht es los nach Spanien. Etwas aufgeregt sind wir. Wie wird das Land uns aufnehmen? Wie sind die Gegebenheiten für Fahrradfahrer? Nachdem wir uns jetzt zwei Monate Stück für Stück an Italien gewöhnt haben, immer mehr von der Sprache verstehen und die ungeschriebenen Regeln kennen gelernt haben, geht das Ganze jetzt mit Spanien quasi von vorne los.
Während unsere Wäsche trocknet und wir bei einem heißen Tee weitere Reisedetails planen, dringt von draußen Weihnachtsmusik wechselnder Straßenkünstler herein. Es ist richtig gemütlich. Ausgestattet mit ein paar Tipps von Fiona und Jonas, wagen wir uns nach dem Mittag noch einmal hinaus in die Kälte. Wir besichtigen eine Grotte mit Wasserfall und kommen durch enge Gassen mit kleinen Geschäften. Die Stadt ist durch den Berg sehr kompakt gebaut und es gibt viele Treppen. Um die Höhenunterschiede zu überwinden und von einem ins nächste Viertel zu gelangen, gibt es aber auch mehrere Fahrstühle in Türmen und eine Bahn die durch Seile steil bergauf gezogenen wird. Da beides kostenlos ist, probieren wir natürlich alles mal aus und erhaschen ganz oben einen fantastischen Blick über die Stadt bis hin zu den französischen Alpen, auf denen weitläufig Schnee liegt, der sanft und zum Greifen nah erscheint. Auf dem Rückweg holen wir uns in einer Bäckerei ein klassisches Weihnachtsgebäck aus der Region: Pandolce. Bis zur Verkostung müssen wir uns aber noch 10 Tage gedulden. Mit der einbrechenden Dunkelheit, beginnen die weihnachtlichen Straßenbeleuchtungen ihr warmes Licht zu verströmen und in den Gassen ertönt klassische Musik. Da geht das Herz auf und Augen beginnen seelig zu funkeln.
Am Abend bekommen wir wieder eine Nachricht von der Fährgesellschaft, unsere Abfahrt wird von 13 auf 17 Uhr verschoben. Was ist da nur los? Toi, toi, toi, dass es das jetzt war mit Nachrichten.