
Die Einrichtungen von italienischen Gästezimmern sind immer wieder für eine Überraschung gut – heute haben wir eine würdige “Flittersuite“ erwischt, um einen Regentag abzuwarten 😉
2022-2023



Laut Wetterprognose soll es heute ab 13 Uhr anfangen zu regnen und zwar ganze 25 mm! Das wollen wir lieber von drinnen beobachten, daher fahren wir die 50 Kilometer zur Unterkunft recht zügig – ein Wettlauf gegen die Zeit. Wir kommen nur leicht betröpfelt an und freuen uns auf eineinhalb Tage nichts tun in einem gemütlichen B&B. Morgen soll es nämlich auch den ganzen Tag regnen und gewittern.
Was uns nach über einem halben Monat in Italien auffällt, ist, dass fast alles abgezäunt ist und sehr viele Schilder auf Privateigentum und Kameraüberwachung hinweisen. Zusätzlich lauert auf dem Land hinter jedem Tor mindestens ein aggressiver Hund… Zweimal ist ein Tor ungünstigerweise einen Spalt offen und wir werden bedrohlich bellend verfolgt. So richtig willkommen fühlen wir uns irgendwie nicht. Nur am Meer und hoch in den Bergen sind wir wirklich frei.


Nach einer regenreichen Gewitternacht erwachen wir vom Vibrieren des Weckers. Es tröpfelt noch leicht, doch wir müssen das Zelt abbauen, bevor uns jemand bemerkt. Nass packen wir alles zusammen und starten die heutige Etappe. Nach etwa einer halben Stunde endet der Regen und die Wolken reißen auf. Wir haben nur gut 35 km vor uns, sodass wir, während einer sehr langen Pause auf einem Feld, all unsere Sachen in der Sonne getrocknet bekommen. Es ist das erste Mal seit Brandenburg, dass wir uns intensiver mit Regen und nassen Sachen beschäftigen müssen. Und die nächsten Tage sollen wechselhaft bleiben. Das setzt Allem, worum man sich den Tag über eh kümmern muss, noch mal eins drauf.
Apropos kümmern: In den letzten Tagen haben wir deutlich zu wenig getrunken. Es gibt hier in Italien zwar in vielen Parks und teilweise auch an den Straßen Wasserhähne, aber es schmeckt ganz anders als wir es gewohnt sind. An manchen Tagen kostet jeder Schluck Überwindung. Aber in unserer heutigen Unterkunft haben wir endlich mal wieder richtig leckeres Wasser!


Unser Weg beginnt auf der Via Aurelia, einer Küstenfernstraße aus dem 2. Jhd. v. Chr., die Rom und Pisa verbindet. Heutzutage ist sie in beide Richtungen zweispurig ausgebaut und wir fühlen uns wie auf einer Autobahn. An die Geschwindigkeitsbegrenzung von 90 km/h halten sich hier gefühlt die wenigsten. Schnell und knapp überholen die Autos, bis wir, im Nackenbereich schon völlig verspannt, abfahren. Auf der Karte haben wir einen Radweg gesehen, der Zuflucht verspricht. Warum unser Navi (Komoot) uns da nicht direkt hingelenkt hat, erfahren wir wenige Kilometer später, als wir im Slalom um große Pfützen kurven und schließlich vor einem riesigen Matschsee zum stehen kommen. Also geht es fast den ganzen Weg wieder zurück und stattdessen als Umfahrung der Umfahrung auf einen Umweg durch ein Dorf…, dass allerdings auf einem Berg gelegen ist. Nach einem anstrengenden Anstieg und einer saftigen Abfahrt, kommen wir wieder auf unsere ursprüngliche Route. Gerade einmal 1,5 km Fernstraße haben wir uns durch diese Aktion “gespart“.
Nach dieser Erkenntnis hilft nur noch eine Pause am Meer. Wir sehen ein paar Kletterer (zweibeinig und vierbeinig) an den nahen Steilwänden und erforschen eine Höhle, die 30 Meter in den Berg hinein führt und von Tauben bewohnt ist. Von den Wänden hallt das Gurren und Flügelschlagen wieder und stellenweise ist der Boden ganz weiß vor Federn und… naja was Tauben eben sonst noch verlieren.
Nach der Rast entspannt sich die Radwegsituation deutlich, um dann allerdings ihren kritischen Höhepunkt zu erreichen in einem tief zerfurchten, gerölligen Weg, fernab der Zivilisation. Einige Passagen schieben wir aus sicherheitsgründen, spätestens aber bei den zwei Flussdurchquerungen, hätten wir eh absteigen müssen. Diesmal gibt es keine Chance auszuweichen, weil rundherum keine anderen Straßen sind.
Wir überlegen die Abgeschiedenheit direkt zu nutzen, um uns einen Schlafplatz für die Nacht zu suchen. Doch es zieht uns noch etwas weiter, zu einem auf der Karte verzeichneten See. Es dämmert bereits als wir die erste richtige Straße seit langem erreichen, die uns zu ihm führen soll. Zu unserem entsetzen müssen wir feststellen, dass er zu einem selbst jetzt noch gut besuchten Park gehört. Die angestaute Angespannung entweicht in Tränen, doch Tino findet einen Wohnmobilstellplatz nicht weit entfernt. Zelte sind dort normalerweise nicht erlaubt, aber wir handhaben es wie sonst: im dunklen auf- und wieder abbauen und nicht gesehen werden. Wir kommen an und kochen noch schnell ein paar Nudeln, um die Speicher wieder auf zu füllen. Um uns herum verströmt wilder Fenchel seinen süßlichen Geruch und als wir uns gerade ins Zelt zurückziehen, zucken am Horizont erste Blitze.


Morgens müssen wir nach dem Zeltabbau warten bis es hell genug ist, um den gestrigen Berg wieder sicher runter zu kommen. Dabei ist höchste Konzentration gefordert! Zu zweit schaffen wir es und pünktlich zum Sonnenaufgang sind wir unten am Meer.
Die weitere Fahrt über sind wir in ein Hörspiel vertieft, wir fühlen uns auch nicht wirklich nach Pausen.
Unser Ziel ist ein Zeltplatz; einer der wenigen, die um diese Jahreszeit noch offen haben. Allerdings sind wir unsicher, ob er wirklich existiert, denn auf der Karte sieht man an der angeblichen Stelle, keine Freifläche.
Schließlich kommen wir eine Campingmeile entlang. Zeltplatz reiht sich an Zeltplatz, alle geschlossen. Dann lesen wir plötzlich, sechs Kilometer früher als erwartet, den Namen unseres Ziels. Und der Platz hat zum Glück tatsächlich offen, auch wenn der hohe Preis der enttäuschenden Ausstattung nicht gerecht wird.


Wir haben kaum noch zu hoffen gewagt, dies irgendwann zu erleben und hier schreiben zu können…
Das Knarzen am Tandem ist weg! Ganz weich ist das Fahrgefühl jetzt und die Fortbewegung bringt wieder richtig Freude 🙂 So hat sich der Pausentag gleich doppelt gelohnt, denn wir hatten ein großes Zimmer im Erdgeschoss in dem Tino das Tandem nochmal genau unter die Lupe nehmen konnte. Nach einem Kettenwechsel und dem Fetten des Leerlaufs, ist nun endlich Ruhe und Seelenfrieden beim Fahren eingekehrt.
Zum Nachmittag hin suchen wir uns einen geeigneten Platz zum Wildzelten. Um uns sicher zu fühlen, wollen wir hoch auf einen Berg. Der Weg ist steinig und steil (bis zu 30%!). Mehr als einmal rutschen wir beim Schieben fast weg. Doch oben angekommen werden wir mit einem fantastischen Blick auf das Meer belohnt und beobachten schließlich beim Abendessen einen traumhaften Sonnenuntergang.


Den unverhofften Pausentag nutzen wir, um unsere Wäsche in einen Waschsalon zu bringen. Danach überlegen wir uns den weiteren Tourverlauf. Auffällig ist, dass das Wetter an der Küste um einiges milder angesagt ist, als im Landesinnern. Daher bleiben wir voraussichtlich auf direktem Kurs nach Rom, statt noch einen Schlenker einzubauen. Nachmittags gehen wir am Strand spazieren, üben uns im Steinweitwurf und haben seit langem mal wieder die Muße und Energie für ein bisschen Acroyoga! Das Wetter ist viel besser als angekündigt, wir hätten weiter fahren können ohne großartig nass zu werden, dennoch bereuen wir die Pause ganz und gar nicht.


Heute liegt eine lange Etappe vor uns. Wir wollen nach San Vincenzo und dort für zwei Nächte unterkommen, um einem Regentag auf dem Tandem aus dem Weg zu gehen. Unterwegs fahren wir eine wunderschöne Steilküstenstraße entlang. Dieses tiefe Blau des Wassers und Orange der Felsen laden uns zu einer Pause ein.


Berge oder Meer? Heute müssen wir uns nicht entscheiden. Rechts von uns erstreckt sich das Mittelmeer und linkerhand haben wir einen beeindruckenden Blick auf die Apenninen. An uns vorbei zieht ein Renntandem, dessen Fahrer uns freudig grüßen.
Am Nachmittag Ankunft in Pisa! Ein Hochgefühl ergreift uns, den schiefen Turm aus eigener Kraft erreicht zu haben. Was für ein Wahnsinn! Doch auch noch viele andere Menschen sind heute hier, um den Turm “zu stützen“. Am Ende bedeutet auch dieses Touristenhighlight wie so oft für uns eher Enttäuschung und Energieverlust. Ein viel stärkeres Gefühl der Verbundenheit mit der Stadt erleben wir erst abseits des Trubels, auf der Ponte Solferino, als wir die Häuser entlang des Flusses Arno erblicken, die von der Abendsonne beschienen werden und sich in ihrer warmen Farbgebung von den Bergen im Hinterrgrund absetzten.


Ganz früh machen wir uns wieder auf den Weg. Wir wollen bis Pisa durchradeln, doch der italienische Eurovelo macht es uns, trotz weniger Höhenmeter, nicht gerade leicht.
Als wir endlich das Meer erreichen, können wir uns gar nicht mehr lösen und beenden daher die Tagesetappe spontan, bereits in Massa. Es ist gerade mal 12 Uhr. Auf einem nahegelegenen Campingplatz bauen wir unser Zelt auf, kochen ein leckeres Mittagessen und gehen dann zurück an den Strand, um zu baden. So soll sich ein Flitterjahr anfühlen!
Und endlich beginnen Antworten in uns zu reifen, auf Fragen, die wir uns seit Beginn der Reise, bzw. seit der Alpenüberquerung immer wieder stellen: Was ist für uns das Ziel der Reise? Warum machen wir sie? Wie genau wollen wir sie gestalten?