Freinacht on tour

27.02.2023 – Casal dos Bernardos

Deutlich später als unsere Zimmernachbarin, eine Pilgerin aus Tschechien, brechen wir auf. Wir erfahren, dass der frühe Start bei Pilgern durchaus üblich ist und von manchen Herbegen sogar gefordert wird. Sobald wir ab Santiago de Compostela dem Jakobsweg rückwärts folgen, werden wir uns diesem Rhytmus wohl anpassen müssen.
Gestern Abend haben wir etwas recherchiert und entdeckt, dass es ab hier in Nordportugal auch ausgewiesene Picknickplätze gibt. In Spanien haben wir sie als “Area Recreativa“ kennengelernt, große Areale mit Bänken und Grillhäusern, in Portugal heißen sie “Parque de Merendas“. Einen solchen steuern wir heute zum Wildzelten an.
Entspannt erreichen wir den anvisierten Spot. Die Fahrt war durch einige gemütliche Pausen, unauffälligen Verkehr und die wärmende Sonne so entspannt wie lange nicht! Der Schlafplatz ist überwältigend: verteilt zwischen den Weiden finden sich Bänke, eine Quelle spendet frisches Wasser zum Waschen und Kochen und der Ort ist so abgeschieden, dass wir vor Sonnenuntergang bereits das Zelt aufbauen und eingekuschelt in den Schlafsack einen Film schauen.

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26.02.2023 – Golegã

Dieser Morgennebel, den wir schon von gestern kennen, zaubert eine faszinierende Atmosphäre in den Pinienwald, durch den wir fahren. Als die Sonne endlich durchkommt und die Klammheit aus unseren Klamotten verschwindet, können wir die Tour richtig genießen! Auch bei den Störchen hier machen sich Frühlingsgefühle breit. Es klappert aus den zahlreichen Nestern von Strommasten, Palmenstümpfen und Bäumen. Teilweise erinnert es an Mehrfamilienhäuser, wenn ein Baum oder Mast gleich mehreren Storchenpaaren als Herberge dient.
Ein Ort, dessen Namen wir leider nicht rekonstruiert bekommen, hat es uns besonders angetan. Wir kommen an Wandmalereien in verschiedenen Stilen vorbei, die uns an die Murales auf Sardinien erinnern. Manche Häuserfassaden sind mit Kacheln bedeckt, wie es in Portugal häufiger zu sehen ist, aber die Farben und Rafinesse der Muster sind hier besonders auffällig.
Ein weiterer Aspekt, der uns etwas Ruhe zurückgibt, sind die mehr werdenden Rastplätze, so wie wir es aus Spanien kennen. An einem besonders ruhigen Plätzchen im grünen machen wir eine ausgiebige Pause mit Brot, Hummus und Oliven. Von letzteren wir sind total die Fans geworden und essen sie aktuell fast täglich.
Am Abend kommen wir in unserer ersten Pilgerherberge unter. Wir sind auf dem “Caminho português de Santiago“. Alles ist sehr wohlich eingerichtet und es gibt sogar eine Küche zur Selbstverpflegung. Vor ein paar Tagen haben wir aus einer Biobäckerei Weißbrot gerettet und für die Nutzung fallen uns zwei Rezepte ein: Irenes Panzanellasalat und Omas Rostige Ritter.

PS Und auch wenn es die Minderheit ist, muss fairerweise erwähnt werden, dass es hier durchaus Autofahrer gibt, die sehr vorbildlich überholen.

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25.02.2023 – Marinhais

Als wir den Reißverschluss des Zeltes öffnen, finden wir uns komplett in Nebel gehüllt wieder. Ganz weiß ist es soweit der Blick reicht. Wir trinken Tee um warm zu werden und essen Frühstück. Dann brechen wir auf. Die ersten 10 Kilometer hält sich der dichte Nebel, aber das ist für Autofahrer in Portugal kein Grund das Licht an zu machen. Es ist schließlich nicht mehr dunkel.
Wir machen eine Kaffeepause mit Pasteis de Nata im Intermarchè, gehen einkaufen und laden (natürlich unter ständiger Aufsicht) unsere gebliebene Powerbank. Durch die Glasscheibe können wir beobachten wie der Nebel langsam weicht und der Sonne Platz macht. Das nutzen wir, um die letzten 20 km in Angriff zu nehmen. Just nachdem wir uns gefragt haben, ob die Autofahrer sich hier und heute etwas aufmerksamer verhalten oder wir bereits abgehärtet sind, ertönt direkt neben uns ein Reifenquitschen und Scheppern. Kaum einen Meter von uns entfern ist ein Auto in den vor ihm, zum abbiegen langsamer gewordenen Wagen gefahren. Zu unserem Glück hat keiner der beiden das Lenkrad verzogen…
Wir werden langsam zynisch: zwei Autos weniger, die uns heute zu knapp überholen können.

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24.02.2023 – Vila Franca

Kaum lässt man das Zelt mal für zwei Nächte stehen, macht es sich ein Haufen Spinnen zwischen Innen- und Außenwand bequem. Beim Abbau ist es gar nicht so leicht, die alle einzeln wieder lebend raus zu manövrieren. Hoffentlich wird beim Einrollen niemand zerquetscht.
Wir haben nach einer kurzen recherche doch noch einen Zeltplatz gefunden, müssen dafür jedoch die Tour durch die industriellen Vororte Lissabons legen. Den Vormittag über sind wir Grenzgänger zwischen Regen- und Sonnenfront, zwischen Bordstein und rauschendem Verkehr. Immer knapp auf der hellen und sicheren Seite. Leider ziehen die Wolken irgendwann doch noch über uns und lassen einen Hagel- und Regenschauer auf uns herab. Ab da fahren wir in Dauerniesel.
Als wir den Campingplatz erreichen, gibt uns die Frau an der Rezeption erst auf portugiesisch, dann etwas verständlicher auf französisch zu verstehen, dass der Platz aufgrund von Wartungsarbeiten geschlossen ist. Wir sind der Verzweiflung nahe. Wohin nun, so durchnässt und durchgefroren? Die Unterkünfte viel zu teuer, der nächste Zeltplatz 30 km entfernt…
Wir atmen tief durch, fahren etwas weiter und stellen unser Zelt schließlich unter einer Brücke hinter einem Pfeiler am Wasser auf. Hier werden wir bestimmt von niemandem gesehen – vor allem nicht von den zwei, sich reichlich seltsam verhaltenden, weißen Trucks…
Über uns donnern die Autos hinweg. Dennoch fühlen wir uns hier sicher und es wird wider erwarten ein gemütlicher Abend in unserem Palast.

Stadt

23.02.2023 – Lissabon

Der Tag beginnt mit einem Schock! Unsere Powerbank inklusive Kabel und Stecker wurde während des Ladens über Nacht gestohlen. Wir hängen ein Schild aus, dass sie sehr wichtig für uns ist und bitte zurückgebracht werden soll, fragen auch an der Rezeption, doch vergeblich. Dennoch lassen wir uns den Tag nicht komplett verderben sondern starten mit einer Radrundtour durch Lissabon. Die Sonne ist unser ständiger Begleiter.
Unser erster Halt ist in einem Park. Dort essen wir eine Box mit gerettetem Sushi und testen mal die Sportgeräte, die hier und auch schon in Spanien an jeder Ecke zu finden sind.
Weiter geht es Richtung Altstadt. Auf dem Weg schaffen wir es nicht an dem einladenden Crêpesladen vorbei. Ausgefeilte süße und herzhafte Kompositionen. Das Highlight des Tages!
Nun wird es bergig. Wir genießen lange Abfahrten aber kämpfen uns auch durch knackige Anstiege. Die Stadt ist riesig und niemals an einem Tag zu erfassen.
Als wir am Abend wieder auf dem Zeltplatz ankommen sind wir erschöpft und merken, dass das definitiv nicht der Pausentag war, den wir gebraucht hätten.
Bei der weiteren Tourplanung finden wir weder Campingplätze noch günstige Unterkünfte. Am Ende beschließen wir erst mal zu schlafen und morgen weiter zu sehen.
Dem ein oder anderen aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass bereits in den letzten Einträgen die Positivität gefehlt hat. Aber jetzt sind wir am absoluten Tiefpunkt der bisherigen Reise angekommen. An keinem Ort wären wir jetzt lieber als Zuhause bei der Familie. Portugal raubt uns jegliche Energie. Es ist unfassbar anstrengend im Verkehr, eine dauerhafte Anspannung liegt über uns, seit vier Tagen schleppen wir einen Floh mit uns herum, sodass alles juckt und krabbelt und auch jeder Blogeintrag bedeutet aktuell mehr Arbeit als Freude… und doch ist es wichtig auch solche Stimmungen festzuhalten. So eine Radreise ist nicht nur Urlaub und Zuckerschlecken…

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22.02.2023 – Lissabon

Um dem wilden Verkehr zu entgehen, wollen wir es heute noch mal mit Radwegen abseits der Raser in der Natur versuchen. Paulo empfahl uns einen “wunderschönen“ Pinienwald zu durchqueren. Leider übertrifft sich Portugal selbst mit der Qualität seiner Radwege. Wir schlängeln uns auf sandigen Wegen durch das Gebiet, bis es nicht mehr weiter geht, weil unser Hinterrad unter uns durchdreht. Ab da haben wir noch 3 Kilometer zu schieben, in Wellen hoch und runter durch knöcheltiefen Sand. Völlig abgekämpft erreichen wir die Fähre nach Lissabon. Dort erklimmen wir zu guter Letzt noch einen der sieben Hügel und kommen für zwei Nächte auf einem Campingplatz unter.

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21.02.2023 – Fetais

Mit einigen Tipps von unserem Gastgeber Paulo ausgestattet, radeln wir los Richtung Naturpark Arràbida. Wir werden dadurch wohl einen Tag weniger in Lissabon haben (denn die Weiterfahrt nach Porto lässt sich wegen unserer Verabredung dort nicht verschieben), doch die Dinosaurierfußabdrücke von denen er uns erzählt hat, wollen wir uns nicht entgehen lassen. Die Spuren hat ein Dino vor 155 Millionen Jahren im Matsch hinterlassen!
Leider fällt es uns als Radreisende, so schön die Landschaft auch ist, schwer das Land unbefangen und offen kennen und lieben zu lernen. Jeden Tag erschrecken wir aufs neue wie schnell, rücksichtslos und fahrlässig die Autofahrer hier sind. Unseren ersten Beihnahecrash hatten wir schon. Diese ständige Angst angefahren zu werden, kennen wir bisher nur aus Italien. So viele Augen wie man braucht, um hier sicher zu radeln, bekommen wir nicht mal zu zweit zusammen. Stellenweise entwickelt sich ein richtiger Galgenhumor bei uns – nichts für Elternohren 😉

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20.02.2023 – Setubal

Uns uneinig, ob wir den relativ weit entfernten Campingplatz anstreben, oder etwas früher wildzelten, ist es schließlich das Schicksal, welches uns von dem Konflikt befreit. Ein Warmshowers-Host, den wir vor ein paar Tagen angeschrieben und von dem wir schon keine Antwort mehr erwartet haben, meldet sich und lädt uns zu sich ein. Damit wäre das geklärt und schon fährt es sich, auf das selbe Ziel hinstrebend, viel besser!
Nach der Fährüberfahrt und unsererseits pünktlichster Ankunft am vereinbarten Treffpunkt, dem casa da baìa, werden wir zunächst von unserem Host versetzt, da sich seine “Pläne geändert haben“ (wie sich später herausstellt war ein Hexenschuss der Grund). Wir sollen nun doch direkt zu seiner Wohnung kommen. Gelegenheit für uns noch einen kleinen Stadtbummel zu machen. Überall wird hier choco frito angeboten – wohl eine Spezialität der Stadt. Leider ist es keine fritierte Schokolade, sondern Tintenfisch.

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19.02.2023 – Melides

Heute wurden uns einige größere und kleinere Steine in den Weg gelegt. Zunächst in Form von feinen Sandkörnern, die wohl von den Dünen auf unsere Straße geweht wurden. Schwer bei so tiefem Sand die Kontrolle über das Fahrrad zu behalten, aber Tandi schlägt sich ganz gut. Später quälen wir uns bei einer steilen Schotterabfahrt mit anschließender kleiner Flussüberquerung (natürlich ohne Brücke). Alles auf grobem Gestein, auf dem immer wieder ein Rad wegrutscht. Und als wir endlich wieder Asphalt unter den Rädern haben, stehen wir im Schafstau… Ganz vorsichtig versuchen wir vorbei zu kommen, ohne die Tiere zu erschrecken, dennoch trennen wir dabei die Herde ungewollt. Am Ende finden sich aber alle wieder und auch bei und wendet sich nach zwei riesigen Stücken Schokokuchen und einem Pastel de Nata alles zum besseren 😉
Naja… ansonsten ist heute Faschingsbeginn in Portugal und wir sind froh die Algarve – Hochburg der Festlichkeiten – bereits hinter uns gelassen zu haben.

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18.02.2023 – Vila Nova de Milfontes

Das Wetter-Hoch hält an. Schon beim Aufbruch um 10 Uhr, brauchen wir nur noch kurze Hosen und ein T-Shirt. Wir werden doch nicht den Winter überstanden haben? Viel wärmer braucht es für ein angenehmes Reiseklima eigentlich nicht zu werden.
Im ersten Ort kaufen wir Wasser, denn aus den Leitungen kommt Chlorwasser, welches uns sehr schwer über die Lippen geht, auch wenn es unbedenklich sein soll. Außerdem finden wir im Laden ein Süßkartoffel-Honig-Gebäck. Es verbindet das Beste vom Lebkuchen und Softcookies. Generell scheint die Süßkartoffel hier einen hohen Stellenwert zu haben. Es gibt ein extra Museum sowie ein jährliches Festival zu Ehren dieses Gemüses.