Um 07:10 Uhr geht das Deckenlicht an und reißt uns aprupt aus dem Schlaf – sehr gewöhnungsbedürftig… Um 8 Uhr sind wir wieder auf dem Eurovelo3. Dies ist der für Fahrradfahrer optimierte Jakobsweg. Es tut sehr gut wieder mehr Asphalt unter den Rädern zu haben, keine Angst vor Passagen haben zu müssen in denen man das Tandem tragen muss und somit etwas mehr Berechenbarkeit in die Etappenplanung zu bekommen. Die Morgenstunden auf dem Rad mit dem Nebel und den leeren Straßen sind magisch. Zum ersten mal seit Beginn des Pilgerwegs knacken wir mal wieder die 50 km und 1000 Höhenmeter. Als wir gerade das Tandem hinter die Herberge schieben wollen, sehen wir einen anderen Bikepacker mit Klapprad. Wir unterhalten uns eine Weile und es kommt raus, dass er ebenfalls den Camino Portugues nach Santiago gefahren ist und jetzt ein Stück des Camino Frances rückwärts fährt. Was für ein Zufall! Jolan beschließt spontan ebenfalls hier einzukehren, sodass wir ab morgen ein Stück gemeinsam fahren können. Das wird eine neue spannende Erfahrung als Trio. Und wir haben jetzt noch einen weiteren Schlafplatz in Belgien in Aussicht.
Wir starten erst um 12 Uhr aus dem Hostel. In einem Bioladen wollen wir unseren Haferflockenvorrat auffüllen. Es stehen keine Preise an den Produkten, aber wie viel kann 1 kg davon schon kosten, wenn er sonst im Durschnitt bei einem Euro liegt? 6,60 € verrät uns der Kassenzettel als wir draußen sind. Da wurden wir ganz schön abgezockt. Der Weg führt uns ostwärts raus aus Santiago. Viele Pilger strömen uns entgegen. Einige beachten uns kaum, andere sind total aufgedreht als sie uns sehen. Es geht zwar lange steil bergauf, der Blick zurück fesselt uns um so mehr. Als wir etwas später in einem anderen Supermarkt für unser Abendessen einkaufen, spricht uns eine junge Frau an und fragt ob das da draußen unser Tandem ist. So kommen wir in ein super sympathisches Gespräch und wenig später haben wir Nummern ausgetauscht und eine Schlafoption bei Clara in Belgien. Unsere Schlafoption für heute liegt in Santa Irene (Liebe Grüße an dieser Stelle!) Es ist wieder eine Pilgerherberge, jedoch mit neuem Feature: Das grelle Deckenlicht im Schlafsaal ist per Zeitschaltuhr gesteuert – erst um halb zehn “dürfen“ wir endlich schlafen.
Zum Finale ein Regentag und ein kleines Wunder! Morgens geht es noch trocken los, doch wir sehen schon im Himmel, dass es nicht lange halten wird. Als der typische Wind einsezt, der oftmals Regen ankündigt, ziehen wir unsere wasserdichen Klamotten über – keine Minute zu früh. Schon beginnt es zu tröpfeln und regnet sich langsam ein. Die Pilgerdichte nimmt täglich zu, je näher wir Santiago kommen. Zu unserer großen Überraschung treffen wir heute, am letzten Tag, die Pilgerin aus Tschechien wieder! Jene, die wir in Golegã kennengelernt hatten, noch bevor der Jakobsweg für uns in Porto startete. Nur wenig früher hatten wir uns darüber unterhalten, dass sie vor etwa einer Woche in Santiago angekommen sein müsste. Aber auch sie hatte wohl ein paar Pausentage eingelegt und ausgerechnet bei der letzten Etappe treffen sich unsere Wege nun erneut. Zum frühen Nachmittag hin prasselt es so stark auf uns herab, dass wir beschließen, den Slalom auf dem Fußpilgerweg um die Hauptstraße zu beenden und stattdessen im Autostrom mitzuschwimmen. In Portugal wäre dies keine Option gewesen, aber in Spanien fühlen wir uns sicher. Nach einigen Stunden im Regen erreichen wir die Kathedrale von Santiago! Was für ein Bauwerk und was für eine aufgeladene Stimmung auf dem Vorplatz. Ein Dudelsack spielt, Pilger machen Fotos, umarmen oder unterhalten sich. Sogar der Regen ehrt diesen Moment mit einer kurzen Pause. Für diese Jahreszeit sind erstaunlich viele Leute hier. Im Pilgerbüro holen wir uns unsere “Compostela“, die Urkunde ab. Laut offizieller Statistik sind mit uns heute 159 weitere Pilger hier eingetroffen.
Durch die geringen Abstände der Pilgerherbergen sind wir im Slow-travel Modus angekommen. Kilometermäßig machen wir weniger als gewohnt, sehen die meisten Fußpilgerer aber trotzdem nur einmal. Nur ein Duo bekommen wir seit Rubiães nicht abgeschüttelt – einen Blinden mit seinem Guide. Morgens sind sie die ersten, die in der Herberge aufbrechen und abends mit die letzten die eintreffen. Sehr bewundernswert, wenn wir bedenken was für Herausforderungen den beiden wegteschnisch täglich begegnen. Wir sind auch heute wieder das komplette Gegenteil. Um 14 Uhr kommen wir bei der Herberge an und legen uns, weil die Rezeption noch nicht besetzt ist, podcasthörend ins Gras in die Sonne. Es fühlt sich an, wie ein Ferientag im Sommer.
Wieder in Spanien fallen direkt drei Dinge auf: 1. die Mentalität der Autofahrer hat sich um 180° gedreht – ein Radlertraum! 2. Wir verstehen Spanisch zwar etwas besser als Portugiesisch, dafür kommen wir mit Englisch hier deutlich weniger weit. In Summe also ein Kommunikationsnachteil. 3. Die Wege werden wieder besser. Landschaftlich bewegen wir uns heute viel im Wald. Wer das Schlaubetal kennt, kann sich die Idylle ungefähr vorstellen.
Nach einer ruhigen und milden Nacht erwachen wir erholt im Zelt. Es hat ein bisschen geregnet, aber wir bekommen trotzdem alles recht trocken verstaut. Nach und nach überholen wir alle vor uns aufgebrochenen Fußpilgerer – wir hatten noch entspannt unser Frühstück genossen. Ob wir uns damit wohl unbeliebt machen? Da es später heftig regnen soll, fahren wir nur 20 km und genießen jeden Sonnenstrahl, den wir vorher noch abbekommen. Bei diesem feuchten Wetter zwischen mosigen Bäumen mit vereinzelten Sonnenlichtflecken am Boden kommen Erinnerungen an das Elbsandsteingebirge und den Pfälzer Wald hoch. An einer Stelle treffen von den umliegenden Berghängen mehrere Flüsse aufeinander und strömen in vielfältigen, rauschenden Kaskaden zusammen. Und dann geht es endlich wieder über die Grenze nach Spanien. Auch wenn sich die Gesamtsituation in Portugal zum Ende hin deutlich entspannt hatte, sind wir nicht traurig es jetzt hinter uns zu lassen, im Gegenteil macht sich ein Hochgefühl in uns breit, als wir (zum zweiten mal) in das nun vertraute Spanien einfahren. Nach Berlin sind es jetzt übrigens noch gute 2.400 km Luftlinie – und nach Kapstadt knapp 11.500 km 😉
Wir erwachen, weil im Schlafsaal das Gewusel beginnt. Auch wir packen zusammen, und erfahren in einem Gespräch mit den zwei Schweizerinnen und der Deutschen, dass unsere Erfahrung mit den portugiesischen Autofahrern von mindestens drei weiteren Menschen geteilt wird. Tino geht es wieder richtig gut – zum Glück, denn die heutige Etappe erfordert absolute Höchstleistung von uns beiden! Davon ahnen wir zu Beginn aber noch nichts. Ganz entspannt geht es zunächst bergab. Auffällig ist, dass die Pflasterstraßen zunehmen, aber die stecken wir mit unseren dicken Reifen relativ gut weg. In einem Cafè in Ponte de Lima essen wir unsere vermutlich letzten Pasteis de Nata in Portugal, denn wir nähren uns der spanischen Grenze. Auf einigen Schildern wird indirekt mit “Unterkunft kurz vor dem steilen Anstieg“ vor den kommenden Kilometern gewarnt. Auch unser Navi zeigt einen dunkelrot bis schwarz gefärbten Bereich an mit dem Hinweis, dass man dort ggf. schieben muss. Schieben klingt doch machbar, denken wir und folgen den gelben Pfeilen in den Wald. Ab dann beginnt der Kraftakt. Wir schieben das Tandem bergauf, über immer gröber werdendes Geröll. Mit unserem gesamten Körpergewicht lehnen wir uns fürs Vorwärtskommen rein. Irgendwann liegen uns kniehohe Steine vergleichbar mit Stufen im Weg. Damit unsere Kettenblätter nicht aufsetzen, müssen wir unsere 90 kg Stretchlimosine (incl. Gepäck) stellenweise tragen und nicht nur einmal drohen wir abzurutschen und als Gesamtes umzukippen. Zweimal glauben wir es geschafft zu haben und müssen beide Male nach kurzer Ebene weiter in noch steilere, engere und steinigere, kurz: härtere Passagen, die wir uns Meter für Meter erkämpfen. Nach über zwei Stunden für gerade einmal zwei Kilometer, dafür aber 330 Höhenmeter, ist die Erleichterung groß als wir oben ankommen. Und dann geht es auch schon wieder bergab. Alle folgenden Pflasterstraßen erscheinen uns dagegen wie perfekte Radwege. Unsere heutige Herberge empfängt uns mit offener Pforte, allerdings ist die Rezeption nicht besetzt. Sieben Pilger, die schon vor uns eintrafen, haben den offenstehenden Bettensaal besetzt und da wir bis zur Dämmerung niemanden erreichen, der uns einen weiteren Raum öffnen könnte, stellen wir schließlich unser Zelt im Garten auf. Das ist ein unfassbar vertrautes Gefühl, welches sich aus verinnerlichten Handgriffen, Geruch und leisem Knistern zusammensetzt. Körperlich liegt definitiv einer der härtesten Teilabschnitte hinter uns (auch die anderen Pilger können kaum glauben, dass wir den selben Weg gekommen sein sollen). Psychisch haben wir das ganze aber mehr als gut gemeistert. Ein super Teamwork ohne emotionalen Zusammenbruch trotz absoluter Grenzleistung.
Leider geht es Tino am Morgen gar nicht gut – Kopfschmerzen, Übelkeit und Kreislaufprobleme. Wir sind unsicher, ob wir überhaupt aufbrechen sollen, entscheiden uns aber schließlich zumindest ein paar Kilometer zu probieren. Draußen sind schon 15°C und die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Bergauf rinnen uns Schweißtropfen über die Stirn. In Barcelos machen wir eine längere Pause auf einer Kirchplatzbank – eine sitzend, der andere liegend. Um uns herum herrscht reges, aber nicht hektisches Treiben und wir bilden einen absoluten Ruhepol im Zentrum und ziehen unbeabsichtigt einiges an Aufmerksamkeit auf uns. Vor Aufbruch holen wir uns noch einen Stempel im Museum. Hier sind Keramikwaren ausgestellt, denn Barcelos ist eine Stadt der Handwerks- und Volkskunst. Hier kommt auch der Hahn – Galo do Barcelos – her, der uns schon öfter aufgefallen ist und als Landesmaskottchen Portugals gilt. Nach 20 Kilometern beenden wir die Tagesetappe. Tino geht es zwar schon deutlich besser, aber Ruhe schadet nie. Durch die Kürze der Etappe treffen wir in der heutigen Herberge eine Fuß-Pilgerin wieder, die wir gestern schon gesehen haben. Sie ist auch aus Deutschland und Bäckerin. Und sie wiederum kennt die beiden Schweizerin, die wenig später ebenfalls eintreffen. So muss sich das Pilgern zu Fuß anfühlen.
Ausgestattet mit zwei Pilgerpässen, die wir jetzt nach und nach mit Stempeln füllen werden und einer selbstgefundenen Jakobsmuschel geht es los auf dem portugiesischen Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Die Wetterprognose ist weiterhin sehr wechselhaft daher haben wir uns vorgenommen die nächsten Tage nicht zu zelten, sondern das Angebot der Pilgerherbergen zu nutzen. Nachdem die erste Trägheit überwunden ist, beginnt die Fahrt richtig Spaß zu machen. Unsere Augen scannen den Wegesrand ab, um verschiedenste Richtungsweiser zu finden. Und tatsächlich sind die Markierungen so gut, dass wir ohne Navi fahren könnten. Wir merken schnell, dass es sich anders anfühlt einem vorgegeben Weg zu folgen, als unserem selbstgeplanten. Aber wir können leider noch nicht mit Gewissheit sagen woran das liegt. Der Weg ist angenehm vielfältig. Er führt uns mal auf normalen, asphaltierten Straßen, mal auf Waldwegen entlang mosiger Mauern, dann über Pflastersteine durch Dörfer. Wir kommen an vielen Kirchen vorbei, von denen die meisten allerdings geschlossen sind. Abends, gerade als Nieselregen einsetzen will, kommen wir bei unserer Herberge an. Sie basiert auf Spenden und bietet uns eine heiße Dusche und einen großen Schlafsaal – heute sogar ganz für uns allein.
Wir sind heute ganz auf unser Ziel ausgerichtet Porto zu erreichen und unsere Freundin zu treffen, die den Weg nach Portugal auf sich genommen hat, um uns zu sehen. Der Radweg führt uns auf großen Teilen mittels Holzstegen über Sand und Wasser. Das Geräusch der klappernden Planken unter uns erinnert an ein kindlich nerviges Xylophonspielen, aber die Landschaft ist abwechslungsreich und schön. Zwischendrin verhaspeln wir uns in einem kleinen Baustellenlabyrinth, schaffen es aber schließlich pünktlich nach Porto – ein sich vor uns auftürmender Stadtberg. In den engen steilen Gassen müssen wir viel schieben und bekommen zur Motivation aufmunterndes Lächeln oder liebe Kommentare von den Passanten. Die Freude und Erleichterung ist definitiv groß, als wir endlich Mila treffen und gemeinsam ins Apartment einchecken. Es wird ein langer, redseliger gemütlicher Abend mit viel Mac’n’Cheese.