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Jakobsweg on tour

29.03.2023 – Tardajos

Die Nacht im Zelt war super komfortabel und endlich können wir mal wieder ausschlafen. Als wir aufbrechen ist es bereits nach 10 Uhr.
In die seit Tagen flache Ebene (die Hochebene Meseta) schleichen sich nach und nach wellige Hügel, die durch ihre verschieden genutzten Flächen aber kein einheitliches Bild ergeben, sondern eher an eine Patchworkdecke erinnern. Mit dem Wind haben wir wieder riesiges Glück. Er kommt von hinten und dadurch, dass wir in ähnlicher Geschwindigkeit in die selbe Richtung streben, merken wir nur in den Pausen so richtig, dass er ziemlich stark und permanent da ist. Zum Glück müssen wir bei dem Getöse nichts zum Essen vorbereiten, denn wir haben uns am Vorabend ein vegetarisches Chili vorgekocht. Also Box auf, essen, weiter.
Knapp 70 Kilometer meistern wir heute ohne größere Probleme. Schon erstaunlich wie gut wir durch die hinter uns liegenden Berge aktuell im Training sind und wie sehr uns die eintägige Pause zusätzlich pusht.
Am Abend lernen wir ein Ehepaar aus Colorado Springs kennen und erzählen eine Weile am Esstisch. So viele Leute wie auf dem Jakobsweg haben wir vermutlich in den gesamten Monaten vorher nicht kennengelernt. Das Reisen hat sich stark verändert und wird es bald wieder, wie wir mit einem lachenden und einem weinenden Auge feststellen.

Jakobsweg on tour

28.03.2023 – Villarmentero de Campos

Nach einem ausgiebigen Frühstück im Kloster, starten wir beide total erholt. Schnell merken wir, dass es extrem gut läuft. Gut so, denn wir haben knapp 60 Kilometer vor uns. Die Landschaft ist super Flach und geprägt von weitläufigen saftig grünen Wiesen – teilweise sehen wir nichts als grün und blau. Genau wie dieses standard Windows-XP Hintergrundbild nur eben in 360°. Unbeschreiblich…
Knapp 10 Kilometer vor Etappenende kommen wir an einem bunten Aufsteller vorbei, der auf eine Bar hinter der Hecke verweist. Wir beschließen uns dort einen Stempel für unser Pilgerheft abzuholen. Doch dann kommen wir in eine ganz eigene kleine Welt und es fühlt sich so heimisch an, dass wir direkt nach einer Bleibe für die Nacht fragen. Tatsächlich dürfen wir unser Zelt hinter dem Haus aufstellen, auf der Wiese bei Esel, Schaf und einer sehr speziellen Gans. Sie ist wie ein Wachhund, immer ganz genau beobachtend was auf dem Grundstück vor sich geht und lautstark in Angriff übergehend sobald etwas ungewohntes passiert. Nur zu einem Mitarbeiter hat sie ein liebevolles Verhältnis. Mit ihm kuschelt sie sogar.
Geführt wird diese Bar inklusive Herberge von einem Nürnberger, unterstützt von zwei Ukrainischen Flüchtlingen, die sich in Spanien kennengelernt und gemeinsam dieses Projekt auf die Beine gestellt haben.

Jakobsweg on tour

27.03.2023 – Sahagùn

Da es mit dem Magen beim Aufwachen noch nicht viel besser ist und zusätzlich durch den gestrigen Tag ohne Essen kaum Energie da ist, dürfen wir eine weitere Nacht bleiben. Die Hospitaleros bieten Tino jede Hilfe fürs Aufpäppeln an. Der Tag ist wettertechnisch eigentlich viel zu schade für eine Fahrpause, aber was muss das muss… Immerhin kann Tino gegen Mittag bei einem kleinen Spaziergang den beschaulichen Ort erkunden und einen hübschen Tagesstempel für unseren Pilgerausweis finden. Nach einigen Tees und Brühen, können wir am Abend, mit Zuversicht, Alles für die Weiterfahrt morgen zusammenpacken.

Jakobsweg on tour

26.03.2023 – Sahagùn

Nach einer unruhigen Nacht und einer gestohlenen Stunde, rappeln wir uns unausgeschlafen auf. Helena geht es ziemlich schlecht. Ihr Magen hat ein Essen oder das Wasser aus der letzten Quelle vermutlich nicht vertragen. Erst nach dem Alles wieder raus ist, wird es etwas besser. Wir beschließen diesen Status zu nutzen und zumindest ein paar Kilometer zu probieren. Glücklicherweise geht es vorwiegend seicht bergab mit Rückenwind. Auf den Feldern sehen wir einige interessante Hügelhäuser, über die wir aber leider nicht mehr in Erfahrung bringen können.
Dann verstärken sich leider die Kopfschmerzen, die Übelkeit kehrt zurück und eine Unruhe und Schwäche überkommt den ganzen Körper. Vielleicht war es doch nicht das Essen vom Vortag? Wir erreichen Sahagùn und müssen noch zwei endlose Stunden warten, bis das Kloster öffnet, in dem wir hoffen unterkommen zu können. Die Hospitaleros sind super lieb und wir bekommen ein Zweibettzimmer mit eigenem Bad, welches uns die dringend benötigte Ruhe und Privatsphäre bietet. Den Rest des Tages verbringen wir dort zurückgezogen.

Jakobsweg on tour

25.03.2023 – El Burgo Ranero

Den Abschied zelebrieren wir in einem Park mit selbstgemachten Pfannkuchen. Von Jolan bekommen wir noch eine Erinnerungskarte, die er für uns hat zeichnen lassen. Dann trennen sich unsere Wege fürs erste.
Heute ist die Strecke wieder verkehrsärmer und geht durch flache weite Ebenen. Kilometerlang sind wir gefühlt im Nirgendwo.
Als wir in das Dorf mit unserer Herberge einfahren, rieseln rosafarbene Blüten von den Bäumen am Straßenrand und es klappern die Störche in ihrem Nest auf dem Kirchdach. In der Pilgerherberge gibt es keine Hospitaleros die uns in Empfang nehmen. Das gesamte Haus steht vertrauensvoll in Obhut der Pilger. Es ist aus Lehm und im Inneren wärmt ein bereits angeheizter Ofen. Wir treffen zwei deutsche Frauen, aber nach einer Woche vorwiegend englischer Konversation, verirren wir uns immer mal wieder in die andere Sprache.

Jakobsweg on tour

24.03.2023 – Leòn

Unser Morgen startet mit Churros und heißer Schokolade in einem Cafè. Erstaunt stellen wir fest, dass wir es heute schon bis Leòn schaffen werden. Früher als erwartet, trotzdem ganz im Flow.
Der Weg ist nicht besonders schön. Auf der vielbefahrenen Hauptstraße geht es immer gerade aus. Auch für die uns entgegenkommenden Fußpilgerer am Straßenrand muss es eine sich ziehende Etappe sein.
Für die Nacht kommen wir im benedektiner Kloster unter. Zum ersten Mal sind die Räume für Frauen, Männer und verheiratete Paare getrennt. Jolan muss also in einen anderen Bereich. Aber wir treffen uns in der Küche zum Kochen und Quatschen und unternehmen sogar noch einen Spaziergang mit Eis durch die Altstadt. Vorerst war es der letzte gemeinsame Tag, denn morgen wird Jolan mit dem Bus nach Bilbao fahren und wir weiter dem Jakobsweg folgen. Nach sechs Tagen zu dritt wird es sich bestimmt erstmal merkwürdig anfühlen wieder als Duo zu reisen. Aber es sind schon Pläne für ein Wiedersehen in Belgien oder sogar ein paar weitere Fahrradtage an der französischen Küste geschmiedet.

Jakobsweg on tour

23.03.2023 – Astorga

Wegen des vor uns liegenden 1500-Meter-Berges haben wir uns nur 32 Kilometer vorgenommen, gerade so bis zur Spitze. Es wird hart genug werden.
Tatsächlich ist es ein ganz schöner Kampf bis nach oben. Drei Stunden klettern wir stetig bergauf, mit teilweise heftigen Steigungen. Immerhin sorgen die Landschaft und die malerischen, kleinen Dörfer mit ihren Schieferhäusern für Ablenkung. Um 12 Uhr erreichen wir endlich das große Eisenkreuz welches am höchsten Punkt des Camino Frances prankt. Dies ist gleichzeitig der zweithöchste Punkt unserer gesamten Tour. Der Tradition folgend werfen wir einen Stein, den wir schon länger mit uns herumfahren, über die Schulter in Richtung Kreuz. Danach kochen wir Tee, essen unser Mittagsbrot und können unsere Flaschen mit frischem Bergwasser füllen. Wenn niemand spricht ist es hier oben absolut still. Und diese Ruhe überträgt sich auch auf die angespannten Muskeln.
Dann geht es bergab bis nach Rabanal del Camino. Das angestrebte Kloster hat leider noch bis April geschlossen, daher müssen wir noch mal aufs Rad steigen. Bis wir endlich eine passende Unterkunft finden, soll es weitere 30 Kilometer dauern! Dennoch fahren wir in Astorga noch einen kleinen Schlenker zur Kathedrale, der sich als total lohnenswert herausstellt. Feine Sandsteinschnitzereien zieren die Säulen am Portal. Wir sind jetzt an wirklich vielen Kirchen und Kathedralen vorbei gekommen, aber diese sticht in besonderer Weise hervor. Am Abend sind unsere Beine völlig erschöpft. Da helfen nur noch die doppelte Menge Magnesium und 250g Nudeln pro Person.
Witzigerweise sind mit uns auf dem Zimmer zwei Engländer, die auf dem Weg zu dem für uns heute geschlossenen Kloster sind, um alles für die Saison klarschiff zu machen.

Jakobsweg on tour

22.03.2023 – Ponferrada

Die erkämpften Höhenmeter fahren wir heute wieder runter – mit neuem Geschwindigkeitsrekord, denn der Wind drückt zusätzlich von hinten und vertreibt die tief hängenden Wolken. Die Pilgerer Richtung Santiago de Compostela müssen sich ihm in dieser Höhenlage hingegen ganzschön entgegenstemmen. Die steilen Hänge des Tals sind märchenhaft von blätterlosen Bäumen bewaldet, welche fluffig von Flechten ummantelt sind. Ein bisschen erinnern sie an diese kleinen Bäume in Modelleisenbahnlandschaften.
In einem Cafè machen wir eine kurze Pause und bekommen neben dem bestellten Schokokuchen jeder noch einen rostigen Ritter nach spanischer Art.
Abends kommen wir in einer Unterkunft unter, die dem heiligen St. Nicolas de Flüe, dem Schutzheiligen der Schweiz, gewidmet ist. In der geräumigen Küche kochen wir endlich gemeinsam! Bzw. schnippeln wir eigentlich nur, denn Jolan, als begeisterter Hobbykoch, übernimmt den Herd. Es gibt Reis mit Kürbisgemüsepfanne und Salat. Wir ernten dafür einige neidische Blicke der anderen, immer zahlreicher einkehrenden, Pilgerer. Am Abend ist die Herberge gut gefüllt.

Jakobsweg on tour

21.03.2023 – O Poio

Am Morgen packen wir entspannt Alles zusammen. Es war ein toller Ort für die Nacht! Jetzt liegt ein steiler und langer Anstieg vor uns – 1100 Höhenmeter fast ohne leichtere Passagen zwischendrin. Immerhin haben wir perfekte Temperaturen um die 19°C und viel Zeit. Jolan fährt sein Tempo vorne weg und wir kurbeln ohne Hast hinterher. Für die Mittagspause treffen wir uns, trinken Tee und verkosten gegenseitig unsere Snacks. Es ist interessant eine dritte Perspektive auf alle Erlebnisse zu bekommen.
Unser Plan am Abend gemeinsam zu kochen zerschlägt sich, weil wir an keinem Supermarkt mehr vorbei kommen und kaum noch Vorräte in den Taschen haben. Also gönnen wir uns ein 3-Gänge-Pilgermenü für je 10€ und verschieben das Vorhaben auf morgen. Wir werden also noch länger gemeinsam reisen – wer hätte das gedacht?

Freinacht Jakobsweg on tour

20.03.2023 – Sarria

Zusammen mit Jolan geht es um 8 Uhr los. Die Sonne scheint und wärmt in dieser Höhe bereits, aber im Tal hängen noch dicke, weiße Nebelkissen. Um uns herum erwacht langsam Alles und wir fahren in sanftem Auf und Ab durch den Morgen. Dann beginnt die große Abfahrt. Wir rauschen ins Tal und erreichen den Nebel. Die Sicht wird immer schlechter, in einer Kurve scheint es als würde es ins Nichts gehen. Kaum zu glauben, dass wir vor wenigen Minuten noch Sonne hatten. Die feuchte Kälte hier beißt an den nackten Schienbeinen, aber innerlich macht sich ein Jubeln breit. Wir fühlen uns frei und energiegeladen. Unser Tandem ist durch seine Masse so schnell, dass wir Jolan mit seinem Klapprad bergab immer wieder verlieren, aber bergauf ist er im Vorteil. Erst nach 30 Kilometern essen wir Frühstück.
Der angestrebte Campingplatz ist leider geschlossen und die näheren Herbergen zu teuer. Also suchen wir gemeinsam einen Wildcampingspot. Eine ganz neue Erfahrung nun zu dritt seine Bedürfnisse und Gefühle zu teilen und etwas Geeignetes zu finden. An einem Fluss werden wir uns schließlich einig. Die gut bekannte leichte Unsicherheit legt sich, je mehr wir den Platz einnehmen, zu unserem Lager gestalten und all die ihm eignen Geräusche kennenlernen. Es wird ein ausgelassener Abend. Wir gehen im kühlen Fluss baden, dehnen uns danach auf der Wiese und machen etwas AcroYoga.