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10.06.2023 – Brummen

Wir werden von Edwin zu einem, trotz des mitessenden, einjährigen Sohns, sehr entspannten Frühstück eingeladen. Danach verabschieden wir uns schließlich, um unsere heutige Etappe auf der LF3 fortzusetzen. Bei den entgegenkommenden Radlern fällt uns wieder auf, wie offen und freundlich die Menschen uns hier begegnen. Das Radfahren wird den Niederländern quasi angeboren und so zaubern gleich zwei Leute auf einem Rad ihnen fast immer ein Lächeln ins Gesicht.
Es ist Samstag und wieder sind 31°C vorhergesagt. So zieht es uns gegen 13Uhr wieder an einen einladenden See und ganz zufällig rollen wir wieder im FKK-Bereich an die Badestelle. Also gönnen wir uns auch diesen “Naaktstrandj“ und machen eine ausgedehnte Siesta, während der heißesten Stunden des Tages, im Schatten.
Etwa 15 km flussabwärts kommen wir durch Doesburg. Das erste was wir am Ortseingang sehen, sind zwei Burgfräuleins und wir sind einigermaßen verwundert. Es zeigt sich, dass auch in diesem Örtchen der Sommer-Samstag genutzt wird: ein Mittelalterfest belebt die Straßen – und das sehr authentisch, lädt doch die Architektur förmlich dazu ein! An einem Marktstand nutzen wir das Angebot einer Ledermacherin, uns zwei individuelle Armbänder zu gestalten. “Ich verheirate euch jetzt“ sagt sie schelmisch, als sie uns unsere Werke anlegt – Wenn Sie wüsste 😉 Damit können wir unsere Sammlung an Erinnerungsarmbändchen nun um das “Niederlande-Band“ erweitern.
Durch die vielen Pausen kommen wir Abends relativ entspannt auf einem super netten Campingplatz an. Keine klar strukturierten engen Parzellen, keine steppige Zeltwiese, sondern ganz verwinkelte Zeltinseln in einem verwunschenen, schattigen Obstgarten hinterm Deich. Es gibt eine Outdoorküche und ein Erfrischungsständchen mit Kasse des Vertrauens. Wir genehmigen uns eine gekühlte Limo und aus der Ferne hören wir die Musik eines Festivals von der anderen Flussseite – die Niederländer wissen ihre Sommer-Samstage zu nutzen!

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09.06.2023 – Angeren

Wir folgen weiter dem Deich. Bei Nijmegen stoßen wir auf die LF3, eine der großen Radstrecken der Niederlande, die sich quer durchs Land ziehen. Dieser Route wollen wir in den nächsten Tagen bis Zwolle folgen.
Zum ersten Mal seit Reisestart im September, steigt die Temperatur ab dem Mittag auf 30°C. Das ist definitiv kein ideales Radfahrwetter. Viel schneller als sonst erschöpft sich unsere Energie. Die sechs Liter Wasser, die wir immer dabei haben und über die schon oft geschmunzelt wurde, sind jetzt kein unnötiges Gepäck mehr. Rasant leeren wir die Flaschen über den Tag – und trotzdem bleibt der Urin gelb. Regelmäßig müssen wir Sonnencreme nachtragen – alles klebt… Eins ist klar, der vielfach hinterfragte Start unserer Tour im Herbst war genau richtig.
Als es gegen Mittag fast unerträglich wird, sehen wir am Wegesrand viele parkende Autos, die uns indirekt auf eine Badestelle, die Bisonbaai, aufmerksam machen. Der See liegt in einem Naturschutzgebiet, baden ist aber erlaubt solang man Abstand zu den Galloway-Rindern und den Konik-Pferden hält, welche hier friedlich grasen. An der langen Nordseite des Sees ist ein FKK-Bereich. Sehr praktisch für Radreisende, die sich nicht auf der Suche nach Badesachen durch die Klamottentaschen wühlen wollen! Das Wasser ist angenehm kühl und anschließend im Schatten trocknend, stellt sich Wohlfülklima ein.
Kurz bevor wir aufbrechen erfahren wir, dass die Fähre, mit der wir die Waal überqueren wollen, nicht fährt. Also müssen wir einen kleinen Umweg in Kauf nehmen, mit dem wir das Problem durch zwei anderen Fähren “umschiffen“. Im Gegensatz zu Belgien kosten die Überfahrten leider etwas. Aber immerhin sind Tandems mit einem günstigen Spezialpreis extra aufgelistet. Wenige Meter vom Fähranleger entfernt verläuft die Deutsch-Niederländische Grenze – die Heimat zum greifen nah! Einen gewissen Sog können wir nicht leugnen, aber wir bleiben dennoch so lang wie möglich in den Niederlanden und genießen die Radwege 😉
Unser Zelt dürfen wir heute im Garten von Edwin und Lotte und ihrem kleinen Sohn aufschlagen, die wir über Welcome to my garden gefunden haben. Zu Besuch ist auch noch ein befreundetes Elternpärchen der beiden und wir werden zu einem leckeren Abendessen in lustiger Runde eingeladen.

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07.06.2023 – Druten

Nach einem leckeren Frühstück mit unseren Hosts verabschieden wir uns. Wir fahren auf dem Waaldeich entlang und Erinnerungen von kurzen Urlauben auf dem Elbe- und Oderradweg kommen hoch. Apropos Erinnerung: Unser neues Lieblingsspiel heißt “erinnerst du dich noch an…“ Dabei beschreibt einer ein beliebiges Ereignis oder einen Ort der letzten Monate und der andere versucht es zuzuordnen und ggf. um weitere Details zu ergänzen. Irre, nach wie wenig Worten wir uns teilweise schon in der selben Situation befinden!
Kurz vor unserem anvisierten Campingplatz sehen wir im Augenwinkel am Fuße des Deiches einen interessanten Baum. Aus der Ferne ist er ganz weiß und scheint über und über mit Spinnweben bedeckt. Bei genauerer Inspektion erkennen wir aber, dass die Weben nicht von Spinnen stammen, sondern von abertausenden Raupen, die wie schwarze Stalaktiten von dem Gebilde herabhängen. Überall kreucht und fleucht es und es knistert in den verbliebenen Blättern der mächtigen Weide. Selbst der Boden ist weiß bedeckt und vom nahen Sumpf riecht es in der schwülen Hitze nach Fäulnis und Verwesung. Ein Bild wie aus einem schlechten Gruselfilm: die sich ausbreitende Seuche. Auf dem Campingplatz sind wir sehr froh über die warme, säubernde Dusche.

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06.06.2023 – Gorinchem

Wir leiden seit Tagen an einem Gemüsemangel, daher essen wir in unserer Pause einen großen Salat.
Auch die Niederlande ist gezeichnet von vielen Gewässern, die regelmäßig mit Fähren überquert werden müssen. Heute läuft das wie am Schnürchen und auch sonst kommen wir nicht raus aus dem Staunen über die Radwege.
Nachmittags werden wir von Bart und Charlotte empfangen. Zu unserer Überraschung und Freude auf Deutsch! Einige Niederländer sprechen unsere Sprache erstaunlich gut und es fühlt sich an, wie ein weiterer großer Schritt Richtung Heimat. Die Beiden sind sehr interessiert und so erzählen wir ausführlich über unsere bisherige Reise und nehmen dabei selbst so richtig das Gesamtwerk wahr. Während wir unterwegs sind, leben und fahren wir von Tag zu Tag oder Woche zu Woche. Aber diese vielen Erlebnisse so geballt wiederzugeben, lässt uns einen Schritt zurücktreten und das Ausmaß der Tour begreifen.
Wir werden zum Abendbrot eingeladen und die Gesprächsthemen nehmen kein Ende. Bart betreibt eine Webseite mit Fotos und Texten zu allen Ereignissen ihres Lebens und einem Familienstammbaum inklusive detaillierter Information zu den Personen – sehr inspirierend!
Beim Einschlafen haben wir mit ein paar Mücken im Zimmer zu kämpfen. Es ist ein riesen Unterschied ob man Mücken im Zelt oder in einem Raum jagt… danach schlafen wir aber fantastisch in dem gemütlichen Doppelbett.

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05.06.2023 – Tilburg

Heute geht es auf einem Bahndamm in die Niederlande. Doch so einfach lässt uns Belgien nicht los: Die beiden Länder sind hier extrem verschachtelt. Immer wieder überqueren wir die Staatsgrenze, bis wir am Ende ganze fünf Mal in die Niederlande eingefahren sind. Zum Glück leben wir in der Europäischen Union und müssen uns nicht jedes mal ausweisen 😉 Nachdem wir schließlich wirklich im Nachbarland sind, staunen wir nicht schlecht. Wir hätten es nicht für möglich gehalten, doch die Radwege erreichen, gerade in den Städten, nochmal ein neues Level. Als Radfahrer befindet man sich in einem von den Autos unabhängigen Wegenetz. Und dort wo beide Syteme aufeinander treffen, gibt es entweder Tunnel, Brücken oder klare Regelungen der Vorfahrt, die nicht standartmäßig zugunsten der Autofahrer ausfallen.
Nach einem kurzen Mittagssnack aus unfassbar leckeren lokalen Erdbeeren, Käsewürfeln und Börek, sehen wir am Wegesrand den Stahlrumpf eines alten Propellerflugzeugs. Hier befand sich im zweiten Weltkrieg ein sogenannter Scheinflughafen der deutschen Besatzer, mit falscher Start- und Landebahn und Flugzeugattrappen.
Abends kommen wir auf einem “Bauernhof-Camping“ an, mit vielen Pferden und einem Wachhund, der jedes mal neu entscheidet, ob er uns zu den Sanitäranlagen lässt oder nicht.

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04.06.2023 – Turnhout

Heute erreichen wir den Tiefpunkt unserer Reise! In einem Aufzug geht es mit Tandi 32 Meter unter die Erde und dann 500 Meter durch einen Tunnel unter der Schelde entlang. Auf der rechten Flusseite von Antwerpen tauchen wir wieder auf. Hier ist Flohmarkt und wir sehen uns ein paar alte Gemälde und Lampen an. Dabei kommt Vorfreude auf das Einrichten der neuen Wohnung hoch!
Ein paar Kilometer müssen wir noch durch die Stadt. Aber das ist wirklich nicht anstrengend bei dieser fabelhaften Wegeführung. Es gibt einige bewegliche Brücken und gerade als wir über eine hinweggerollt sind, klingelt es und die Schranken schließen sich. Schnell bildet sich eine Autoschlange, eine Joggerin muss unruhig im Kreis rennen. Beim Blick zurück sehen wir ein Gedicht an der Brückenunterseite. Deepl übersetzt wie folgt:

Ein gutes Stadtgedicht von Stijn Vranken
Ein gutes Stadtgedicht erkennt man sofort.
Der Titel ist treffend,
der Anfang witzig
und es hängt bestenfalls im Weg
an der Unterseite einer enorm großen Brücke.
Es ist lustig,
aber nicht übertrieben.
Und es überrascht
– im letzten Moment stellt es dann noch so etwas
wie zum Beispiel diese elende Frage:
Trägt dieses Schiff nicht sehr leise die Zeit,
die du hier so verzweifelt verlierst?“

An einem Kanal geht es schließlich schnurgerade nach Turnhout. Hier kommen wir bei Els unter. Sie ist Lehrerin in einer Grundschule und erzählt uns vom belgischen Schulsystem. Die Klassen 1 bis 6 erhalten ihren Unterricht jeweils für das gesamte Schuljahr in allen Fächern von nur einem Lehrer. Els zum Beispiel hat seit Jahren immer eine sechste Klasse – täglich von Morgens bis Nachmittags. Sie lernt die Klasse und alle Kinder dadurch sehr gut kennen und kann so viel besser auf alle Bedürfnisse eingehen und fächerübergreifend lehren. Sie ist sehr überzeugt von dem System und ihr Engangement beeindruckt uns!

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02.06.2023 – Antwerpen

Mit einer exakten Wegbeschreibung der besten Fahrradroute nach Antwerpen machen wir uns auf den Weg. Es gibt hier vom Staat finanzierte Fähren, mit denen wir Flussseitenhopping betreiben. Nur bei der Ersten haben wir etwas Pech, weil wir genau zur Mittagspause eintreffen und ca. eine Stunde warten müssen. Aber allgemein ist es eine super Sache!
Auf dem “City Camping Antwerpen“ bauen wir unser Zelt auf und schmieden Pläne für den nächsten Tag – einen Pausentag mit Stadtbesichtigung.

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01.06.2023 – Temse

Heute startet die Bewerbungsphase für Helenas Studium. Den Morgen nutzen wir also für die Onlinebewerbung und die Delegierung des Postversandts der Zeugnisse. Danke an dieser Stelle für jede Untersützung!
Gegen 10 Uhr verabschieden wir uns von Andre und seiner Frau. Wir fahren weiter an der Schelde entlang. Zweimal ist die direkte Flussroute unterbrochen, doch wir werden sicher von roten Schildern auf andere Radwegen umgeleitet, bis der Ursprüngliche wieder befahrbar ist – teilweise Kilometerlang. Das ist bisher ein Alleinstellungsmerkmal von Belgien!
Abends kommen wir bei An und Hans im Garten unter. Sie laden uns zum Abendessen ein und geben uns einige Tipps für schöne Radwege bis in die Niederlande sowie gute Paddelstrecken, sodass wir uns auch diesen Wunsch noch erfüllen können.

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31.05.2023 – Gent

Heute fahren wir durch Gent. Auf einem Radweg am Kanal wird man elegant in die Stadt gelenkt (und später auf der anderen Seite genauso unkompliziert wieder raus). Gent gefällt uns auf Anhieb. Viele Fahrräder sind unterwegs, die Innenstadt ist angenehm verkehrsberuhig und unter fast allen Einbahnstraßen-, Abbiege- oder Durchfahrtsverbotsschildern steht “uitgezonderd 🚲“ Ein jugendlicher, frischer, alternativer flair liegt in der Luft. All zu lang können wir uns mit der Erkundung allerdings nicht Zeit lassen, denn unsere heutigen Gastgeber warten bereits auf uns.
Als wir ankommen wird gerade der Rasen für unser Zelt gemäht. Wir unterhalten uns in einem Mix aus flämisch, deutsch und englisch. Die beiden machen offensichtlich viel selbst, denn es stehen verschiedene Utensilien überall herum, unter anderem eine amtliche Sammlung an Gläsern.
Wir dürfen uns im Haus wie zuhause fühlen, Küche und Bad frei mitnutzen. Wir wagen uns noch mal an eins unser Lieblingsgerichte und zum ersten Mal auf der Reise stimmen alle Komponenten für perfekte Kartoffeln mit Quark!

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30.05.2023 – Deinze

Nach zwei schönen Tagen, verabschieden wir uns von Els und Jolan. Was für ein toller Zufall, dass wir dieses bunte Stadtfest miterleben konnten!
Wir fahren auf einen nicht all zu fernen Campingplatz. Es ist heiß, doch die Weiden stehen in vollem Saft und regelmäßig trifft uns ein erfrischender Tropfen. Die Radwege sind super markiert und das System der nummerierten Kreuzungen begegnet uns wieder, hier in noch konsequenterer Version. Für die sinnvolle Nutzung gibt es Websites, die einem den Weg von A nach B planen, indem sie die Kreuzungsnummern inklusive Kilometerabstand ausgeben. Diese kann man sich als schmalen Streifen ausdrucken, aufs Oberrohr kleben und dann einfach den Zahlen folgen.