Als wir am Morgen Alles zusammenpacken, werden wir direkt an die gestrige Bouldersession erinnert. Alle Muskeln haben einen saftigen Kater und der wird morgen bestimmt noch mal heftiger. Wir beschließen die bevorstehende Tour etwas zu verkürzen, um dem Körper Energie für die Regeneration zu lassen. Nach 37 Kilometern kommen wir in Ètretat an. Riesige Parkplätze reihen sich aneinander und platzen aus allen Nähten. Das berühmte Felsentor “Porte d’Aval“ scheint am verlängerten Himmelfahrtswochenende einige Touristen anzuziehen. Der anvisierte Campingplatz ist auch bereits voll, aber für unser Zelt findet die Dame an der Rezeption zum Glück noch ein Plätzchen.
Der Wind hat glücklicherweise etwas nachgelassen, sodass wir die sanften Strahlen der Sonne richtig genießen können. Als wir an einem Riesenrad bei Honfleur vorbeifahren (auch hier ist heute buntes Treiben – ein Flomarkt!), entschließen wir uns spontan eine Runde zu fahren. Von oben können wir schon einen Blick auf die Pont de Normandie, europas größte Schrägseilbrücke und damit unseren heutigen Endgegner, erhaschen. Es ist ein Sonntagmittag im Mai und offensichtlich sehr wenig Verkehr. LKWs dürfen nicht fahren und der durchschnittlichen PKW-fahrer sitzt vermutlich gerade gemütlich zu Tisch. Unser Glück, denn zeitlich schaffen wir den empfohlenen Umweg, um die lange Brücke mit ihrem zu schmalen Radstreifen, nicht. Dieser würde eine Tagesetappe extra bedeuten und unser Apartment ist für heute gebucht. Wir wagen also die lange Überquerung der Seine und Dank der optimalen Randbedingungen gelingt es ohne Probleme und Stress. Nur der eine uns überholende LKW, der Wohl eine Ausnahmegenehmigung hat, gibt uns ein Gefühl wie unkontollierbar ein Fahrrad auf exponierter Brücke im plöztlichen Luftzug eines großen Gefährts werden kann. Die Einfahrt nach Le Havre ist dann ein Kinderspiel. Es geht durch das riesige, sonntags jedoch komplett leere Hafenareal (der Name ist Programm) und weiter auf Radwegen in die Innenstadt zur Unterkunft. Jetzt stehen drei Tage Entspannung und Geburtstagsvorbereitungen an.
Wir verlassen heute die zerklüftete Landschaft der normannischen Schweiz und folgen der Orne zum Meer. Damit durchqueren wir an einem Tag das Departement Calvados – jedoch ohne etwas vom berühmten Apfelbranntwein probiert zu haben. Größte Stadt in Calvados ist Caen. Hier werden wir entspannt auf Radwegen am Fluss entlang geleitet. An einer Pferderennbahn herrscht reges Treiben, heute findet ein Trabrennen mit Sulky statt. Wir stehen eine Weile am Rand und beobachten, wie sich die Duos aufwärmen. Etwas später fahren wir über die Pegasusbrücke, die im zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle beim Zurückdrängen der deutschen Truppen spielte. Wir sehen immer wieder die Flaggen der Alliierten. Im weiten, flachen Küstensand entdecken wir viele, teils gut getarnte Bunker. Heute ist dieses einst umkämpfte Gebiet dem Naturschutz gewidmet. Als wir schließlich auf schnurgerader Strecke die letzten Kilometer aufs Meer zufahren, haben auch wir gut zu kämpfen. Durch die Allee pfeift uns der Wind gnadenlos entgegen und erinnert an einen Windkanal. Bei der Einfahrt in Houlgate, bemerken wir hunderte Drachen aller Formen und Farben, die im Himmel ihre Kreise ziehen. Das Meer ist voll von Kite- und Windsurfern. Wie sich rausstellt, findet just an diesem Samstag das alljährliche Festival Plein Vent (zu Ehren des starken Windes) zum 23. mal statt. So ist des Einen Leid manchmal des Anderen Freud.
Die Sonne geht im Nebel auf, vertreibt diesen und wärmt und begleitet uns schließlich den ganzen Vormittag. Seit langem steht mal wieder eine Etappe mit vielen Höhenmetern an, denn es geht in die Nomannische Schweiz an den Fluss Orne. Und tatschläch erinnern die Blicke ab und zu an die sächsische Schweiz! Heute ist dem Nasswerden leider nicht zu entgehen, denn ein riesiges Regengebiet kreuzt unweigerlich unseren Weg. Gerade als wir diese Erkenntnis nach einem Blick aufs Wetterradar für uns annehmen, kommt ein älterer Herr aus dem Haus vor dem wir kurz gehalten haben. Er muss uns aus seinem Wintergarten auf der Straße stehen gesehen haben und lädt uns ein, zu Kaffee und Tee mit ihm und seiner Frau. Nach der netten Begegnung und kleinen Stärkung wagen wir es, der Regenfront und den weiteren Bergen entgegenzutreten. Viel albernes Fluchen bringt uns schließlich ans Ziel, einen kleinen Campingplatz mit Vertrauenskasse an der Orne.
Es ist gar nicht so leicht den Blick vom Mont-Saint-Michel zu lösen, immer wieder sehen wir zurück. Der Radweg führt erneut an Salzwiesen vorbei, die vermutlich immer mal wieder von stärkeren Gezeiten überflutet werden. Einige Schafherden grasen dort und das Internet sagt dazu, dass ihr Fleisch eine leicht salzige Note erhält – das müssen wir einfach mal glauben, denn testen werden wir es nicht. Ab Pontaobaolt verläuft unser Radeweg auf einem alten Bahndamm. Das sind immer tolle Kilometer, leicht erhaben vom Rest der Lanschaft. Musikalisch begleitet uns heute energetisierend “The Offspring“ ♥ Wir fahren auf dicke schwarze Wolken zu und machen uns das Wetterradar zu nutzen, um ihre Bewegung vorauszuahnen. Sie ziehen schräg vor uns weg und wir radeln quasi mit Sicherheitsabstand hinterher. Tatsächlich tragen die Radler, die uns entgegen kommen, nasse Regenklamotten. Und den Pfützen am Boden zufolge, scheint es stellenweise stark geschüttet zu haben. Von oben bleiben wir zwar trocken, doch durch den hochspritzenden Schlamm wird Tandi richtig dreckig, der Antrieb versandet und beginnt zu knarzen. Um dem hohen Verschleiß entgegenzuwirken, schieben wir den letzten Anstieg und putzen, endlich angekommen, mit zwei Zahnbürsten und unseren Trinkflaschen alle beweglichen Teile. Der Campingplatz ist interessant, weil es sich um eine einfache Wiese mit einem Sanitärhäuschen handelt, wo abends ein Gemeindemitarbeiter mit einer Kasse rumgeht und 5 Euro pro Zelt einsammelt.
Um 9 Uhr brechen wir auf. Der Himmel ist ganz grau, aber immerhin ist es warm. Kurz nachdem wir wieder auf dem Eurovelo sind, beginnt es zu regnen. Wir stellen uns unter das dichte Blätterdach eines Baums am Wegrand und warten dort den Schauer ab. Dann geht es weiter. Etwas später fallen erneut dicke Tropfen. Zum Glück fahren wir gerade unter einer Brücke durch und nutzen diese als Unterschlupf und Pausenplatz. Als die Wolken am Nachmittag aufflocken und die Sonne nach und nach durchkommt, sind wir kein einziges Mal nass geworden – es ist gut mal wieder zu merken, dass wir dem Wetter nicht völlig ausgeliefert sind, sondern einen gewissen Handlungsspielraum haben. Wir erhaschen aus der Ferne einen ersten Blick auf die markante Silhouette des Mont-Saint-Michel – die weltbekannte Felseninsel mit Klosterfestung! Die Campingplatzsuche gestaltet sich schwerer als gedacht, weil das Preisniveau hier am Touristenhotspot ziemlich hoch ist. Erst am frühen Abend finden wir, nun schon fast am Fuße des Berges, ein faires Angebot. Nach dem Zeltaufbau spazieren wir noch mal zum Wehr, um das beeindruckende Panorama zu bestaunen.
Zum Glück ist die Vilaine recht lang, sodass wir uns weiter mit dem Fluss durch die Bretagne schlängeln können. Wir nutzen das regenfreie Fenster gut. Als es am frühen Nachmittag wieder zu tröpfeln beginnt, sitzen wir bereits im aufgebauten Zelt. Trotzdem zieht die Unsicherheit mit dem Wetter Energie und erschwert das fassen eines Plans und das Aufraffen am Morgen. So einer Regenfront standen wir seit Beginn unserer Reise noch nicht gegenüber. Doch wenn wir ehrlich sind, ist unser Wetterproblem vermutlich nur der Deckmantel für eine gewisse Reisesättigung die uns seit Hildesheim ausbremst. Wir bräuchten eine Art Reset und ein neues Ziel, dass die nötige Motivation für die letzten zwei Monate liefert.
Die Franzosen und ihre Automaten! Baguetteautomaten haben wir jetzt schon häufiger am Straßenrand gesehen und uns mittlerweile daran gewöhnt. Aber ein Pizzaautomat? Naja, wir kommen nicht dran vorbei… Drei Minuten später schiebt sich eine heiße Vier-Käsepizza aus der Klappe. Sie schmeckt solide, definitiv nicht die Schlechteste, die wir je gegessen haben, aber kommt natürlich auch nicht an unsere beste italienische Pizza von vor ein paar Monaten heran. Interessant ist das Konzept allemal!
Streckenmäßig ist heute mit einer der schönsten Tage bisher! Die Sonne scheint und es geht die ganze Zeit auf einem befestigten Radweg am Fluss entlang. Wir genießen die Ruhe, die gute Luft und die Möglichkeit abzuschalten, weil der Verlauf der Vilaine uns navigiert.
Heute scheint ein Luftakrobatenfest in Gange zu sein. Hunderte Raupen seilen sich an Seidenfäden von den Bäumen ab, winden sich, pendeln hin und her. Wir schlängeln uns im Slalom hindurch, aber was am Anfang noch witzig ist, wird irgendwann richtig eklig. Spätestens als das Ausweichen nicht mehr gelingt und manche beim Aufprall an uns aufplatzen. Am Nachmittag sehen wir an einem Baum ein Schild mit der Aufschrift “Aire naturelle de Camping“. Nach kurzer Recherche finden wir heraus, dass es in Frankreich mehrere solcher Bereiche gibt, wo man teilweise kostenlos oder sehr günstig sein Zelt aufstellen kann. Es gibt sogar einen Sanitärblock mit warmem Wasser. Nachdem wir schon ein paar Stunden dort verbracht und entspannt haben, kommt ein Mann mit einem Rasenmäher. Er sagt, dass der Platz reserviert ist für eine große Hochzeit am Wochenende und daher geschlossen. Dann lässt er uns aber doch für diese eine Nacht bleiben. Nur mit den Mähgeräuschen müssen wir uns für ein/zwei Stunden arrangieren. Da fiebern jetzt also gerade vermutlich zwei Menschen auf ihren Hochzeitstag hin – wo wohl deren Flitterreise hin geht?