Das Wetter setzt nochmal etwas nach und schon am Morgen ist es angenehm mild. Wir folgen 87 Kilometer dem Eurovelo durch Mimizan und Biscarrosse, zwischen zwei großen Seen hindurch, bis zur Dune du Pilat, der höchsten Wanderdüne Europas! Im letzten Sommer hat es hier einen riesigen Waldbrand gegeben, der große Teile des Pinienwaldes und mit ihm einige Campingplätze zerstört hat. Zum Glück finden wir einen, der vor wenigen Wochen wiedereröffnet hat. Unser Camp bauen wir direkt an der Düne auf, keine 500 m vom Meer entfernt. Recht beschwerliche Meter allerdings – gilt es auf diese Distanz noch 80 Höhenmeter durch Sand zu bewältigen. Hier wollen wir gleich zwei Nächte bleiben und das phantastische Wetter morgen für einen Pausen- und Erkundungstag nutzen.
Am Morgen gehen wir erstmal Lebensmittel einkaufen und es zeigt sich, dass das Sortiment wieder deutlich umfangreicher ist. Dann geht es kilometerlangen durch Pinienwälder, welche gerade in Blüte stehen und uns mit ihren grüngelben Pollen bestäuben. Die Klamotten, das Gepäck und das Handy zur Navigation sind schnell mit einer Staubschicht bedeckt, die wir gar nicht so einfach los werden. Und noch etwas bekommen wir nicht abgeschüttelt: den Jakobsweg. Es scheint auch hier Einer entlang zu führen, denn immer mal wieder sehen wir gelbe Muschelsymbole oder vereinzelt Pilgerer. Gegen 12 Uhr machen wir unsere erste Pause. Mittlerweile hat es sich fest etabliert, dass wir vom Abendessen eine Box für unterwegs abfüllen, was den Planungsaufwand etwas reduziert. In dieser Pause auf einem Waldrastplatz kommen wir jedoch kaum zum Essen, weil ein Hund unsere Aufmerksamkeit und Hingabe einfordert. Er möchte Ball spielen und nachdem wir einmal nachgegeben haben, gibt es kein Zurück mehr. Unermüdlich jagd er dem Ball nach und bringt ihn zu uns zurück. Das Herrchen sitzt rauchend im Auto und scheint froh zu sein, dass jemand ihm die Arbeit abnimmt. Und das Konzept geht bestimmt nicht zum ersten mal auf 😉 Bei einer zweiten Pause lassen wir das Tandem am Wegesrand stehen, um einen kleinen Abstecher zum Meer zu machen. Da ist er wieder der Atlantik!
Kilometer für Kilometer lassen wir die letzten Ausläufer der Pyrenäen hinter uns. Wir werden sanft empfangen von gut ausgebauten flachen Radwegen, blühender Landschaft und sommerlichen Temperaturen über 20°C. In Bayonne findet am Flussufer ein großes Fest statt – La Foire au Jambon. Seit 1462 wird in diesen Tagen traditionell der beste Schinken aus Bayonne gekürt. Die Stimmung an der Promenade ist fröhlich und ausgelassen, Musik dringt von verschiedenen Seiten an uns. Wir essen hier aber nichts, sondern fahren weiter an einen abgelegene See für ein Picknick. Für eine Abkürzung, die wir von hier nehmen wollen, werden wir abgestraft indem wir mal wieder durch tiefen Sand schieben müssen. Aber so leicht lassen wir uns nicht mehr aus der Ruhe bringen. Die Zeltplatzsaison hat leider noch nicht begonnen und so steuern wir vergebens vier verschiedene an, bevor wir einen offenen finden. Dieser ist total fahrradfreundlich und wir bekommen sogar den Code zu einem Raum, in dem wir unsere Powerbanks sicher laden können 😉
Heute geht es fast nur noch bergab. Gegen Mittag rollen wir über eine Brücke in Arnèguy und sind damit in Frankreich angekommen. Saint Jean ist kleiner als erwartet, dennoch bekommen wir unsere letzten Stempel zusammengesammelt. Damit haben wir jetzt offiziell zwei Jakobswege absolviert, sind also quasi Pilgerprofis 😉 Bevor wir die Stadt verlassen, legen wir noch unsere Jakobsmuschel, die uns seit Lissabon begleitet, mit einer kleinen Signatur versehen, an den Fuß der Kathedrale neben ein paar bunt bemalte Steine.
Heute fahren wir durch die Pyrenäen. Nach und nach absolvieren wir die voraussichtlich letzten Pässe der Reise, auf 801, 922 und 1057 Meter Höhe. Unser ständiger Begleiter ist ein brutal kalter Eiswind, der kaum eine Pause zulässt. Wir überlegen bis Frankreich durch zu fahren, beschließen letzlich aber doch noch eine Nacht in den spanischen Bergen zu verbringen. Auch auf dem Campingplatz kühlt uns der Wind ohne Gnade bis auf die Knochen aus. Am Horizont sehen wir die verschneiten Gipfel der höheren Berge und freuen uns auf den warmen Schlafsack. Abends kommt noch eine Mail von Helenas zukünftiger Hochschule rein. Sie laden zu Schnupper- und Kennenlerntagen in die Werkstätten ein. Da es eine große Chance darstellt, beschließen wir (nicht gerade leichten Herzens) die Reise Mitte April für ein paar Tage zu unterbrechen, das Tandem in Frankreich zu lagern und mit dem Zug einen “kleinen Ausflug“ nach Hildesheim zu unternehmen.
Wir sind gestern in der Casa Paderborn untergekommen, eine Herberge die von deutschen Freiwilligen geführt wird. Wir verstehen uns gut mit den beiden Damen und so kommt es, dass wir unser Tandem incl. Gepäck heute im Keller der Herberge stehen lassen dürfen, obwohl man normalerweise am Morgen mit Sack und Pack verabschiedet wird. Diese einmalige Chance lassen wir uns natürlich nicht entgehen und verbringen den Vormittag mit leichtem Gepäck, zu Fuß in Pamplona. Gegen Mittag holen wir das Tandem wieder ab und bringen als dankeschön zwei Stück Kuchen mit. Anschließend fahren wir nur noch ca. fünf Kilometer bis zur nächsten Herberge außerhalb der Stadt – ein Pausentag der anderen Art. Am Abend beginnt ein Waschmaschinenkrimi. Wir wollen eine Wäsche waschen, doch der Hospitalero betätigt die Einstellungen für uns. Als er weg ist, verstellen wir die Zeit von 15 auf 60 Minuten und die Temperatur von 30° auf 40°. Inständig hoffend, dass er es nicht bemerkt, beobachten wir, wie die Zeit runterzählt. Kurz vor Ende, springt die Anzeige plötzlich wieder auf 37 weitere verbleibende Minuten und es heißt weiter bangen. Am Ende werden wir erwischt und zahlen bereitwillig nach – unangenehm …
Für den Tag ist Dauerregen angesagt, daher verlassen wir die Herberge bereits in Regenklamotten. Doch bevor wir starten können, gibt es noch ein kleines Fotoshooting, weil zwei Leute aus der Herberge, begeistert von unserer Geschichte, gerne ein Bild von uns auf dem Tandem haben wollen. Den gesamten Vormittag über verschont uns der Regen glücklicherweise. Wir haben einen parabelförmig ansteigenden Berg zu bezwingen, also eine stetig zunehmende Steigung und sind dankbar, die Jacken offen haben zu können und uns nicht zwischen schweißnass und regennass entscheiden zu müssen. Das Ende des Berges kündigt sich durch immer stärker werdenden Wind an – heute von vorne. Als wir über den Pass rollen breitet sich vor uns eine Felsformation aus, verschleiert von einem Regenbogennebel. Auf dieser Seite des Berges regnet es und wir werden doch noch richtig nass. Unter einer Brücke rasten wir für einen Moment, um das gröbste abzuwarten und just in dem Moment rennt eine Schafsherde die Straße entlang an uns vorbei. Es rührt uns wie sozial dieses Gefüge funktioniert. Ein Schaf vorne gibt die Richtung vor und eins hinten schaut immer wieder zurück, dass kein Nachzügler verloren geht. Sein Besonderes Augenmerk liegt auf einem humpelnden Lämmchen, welches immer wieder einen animierenden Stupser bekommt.
Am Morgen werden wir vom neuen Hospitalero aus Italien, mit dem wir gestern noch eine Weile zusammengesessen und erzählt hatten, verabschiedet – mit einer herzlichen Umarmung und zwei dicken Küssen auf die Wangen. Er verspricht uns auf der Karte in unserem Blog zu verfolgen. Wir kommen durch die Weingegend Rioja, die sich entlang des Flusses Ebro erstreckt und sehen einige Bodegas (Weinkellereien) – eine davon heißt Tandem! Abends kochen wir uns einen großen Topf voll Gemüse. Es ist irgendwie gar nicht so leicht genug davon zu bekommen in Spanien. Zum Glück bleibt sogar noch genug übrig, um unsere Brotbox für morgen Mittag zu füllen. Ein vollwertiger Energielieferant für unseren letzten heftigen Anstieg dieser Reise, denn nach den Pyrenäen begeben wir uns in vorwiegend flaches Terrain.
Zum Abschied gibt es einen warmen, herzlichen Händedruck. Trotz anfänglicher Skepsis unsererseits, hat sich diese Herberge als sehr besonderer Ort herausgestellt und wir sind dankbar, diese Erfahrung gemacht haben zu dürfen. Geplant ist für heute ein entspannter Regenerationstag auf dem Tandem – das entspricht etwa 20 Kilometern ohne nennenswerte Steigungen. Als wir nach weniger als einer Stunde in Grañòn einrollen, fast ohne pedaliert zu haben, beschließen wir den Rückenwind zu nutzen und die morgige Tagesetappe noch ran zu hängen. Um 14:30 Uhr erreichen wir Logroño und müssen zum ersten Mal anstehen, um einen Platz in einer Herberge zu bekommen. Es wirkt wie eine große, anonyme Massenabfertigung, es soll sich aber noch ganz anders herausstellen. Abends gibt es wieder ein gemeinsames Abendessen an einer langen Tafel für die vielen Pilger, die sich in der Lautstärke der Gespräche immer weiter übertreffen. Das absolute Kontrastprogramm zu der kleinen Runde gestern. Nach dem Essen richten die beiden Hospitaleros noch ein emotionales Wort an die Pilger. Nach 12 Jahren in denen die beiden in Ihrer Rentenzeit ehrenamtlich für jeden Pilger da waren, jeden Abend gekocht haben, und sich voll und ganz dieser Herberge verschrieben hatten, ist heute ihr letzter Abend. Sie geben ab an die nächste Generation Hospitaleros. Mit einem riesen Applaus werden die beiden verabschiedet. Eine Ära endet und jeder im Raum ist gerührt. Draußen ziehen, laut trommelnd, verschiedene Prozessionen vorbei. Die Semana Santa (Osterwoche) beginnt und damit auch die Ferien in Spanien und die Hauptsaison des Jakobswegs.
Es sind nur noch wenige Kilometer bis Burgos, eine der größten Städte am Jakobsweg, wo wir mal wieder unseren Grundvorrat an Lebensmitteln auffüllen wollen. Vor der Kathedrale treffen wir zwei Jungs aus Magdeburg. Sie sind, frisch nach dem Abi, mit den Rädern aus Deutschland gestartet und auf dem Weg nach Lissabon. Wir tauschen ein paar Erfahrungen aus und sie machen uns richtig Vorfreude auf den Eurovelo 1 durch Frankreich. Anschließend radeln wir in entgegengesetzte Richtung weiter. Die Hauptsehenswürdigkeit von Tosantos, unserem Zielort, ist eine Felsenkirche. Sie liegt zu großen Teilen innerhalb des Berges und erinnert uns an unsere Fahrt durch den Canyon, wo wir bereits vergleichbare Häuser gesehen haben. Jede Herberge auf dem Jakobsweg hat Ihren eigenen Stil. Diese hier wird von drei Franzikanern geführt und vermittelt einen starken Gemeinschaftsgeist. Der Älteste unter Ihnen ist sehr sehr herzlich, ca. fünfundsiebzig und wohnt bereits sein ganzes Leben in diesem Ordenshaus, einem für die Region typischen, dreigeschossigen Fachwerkbau aus dem 19. Jahrhundert. Mit uns sind nur zwei weitere Pilger hier. Abends wird, nach einem Tischgesang, zusammen gegessen und anschließend gemeinsam in der Hauskapelle der Tag reflektiert, ehe jeder zu Bett geht. In diesem Fall sind es einfache Matten auf dem Dielenboden.